Import/Export : Presseheft

 

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Presseheft: Inhalt

Ein Film von ULRICH SEIDL

Österreich 2007

KINOSTART: 18.10.2007
Laufzeit: 135 Minuten

Verleih:
Movienet Film
Rosenheimerstr. 52
81669 München
Tel: 089-489 530 51
Fax: 089-489 530 56
info@movienetfilm.de

Pressekontakt:
CINE MAIDS
Kathrin Stammen und Cornelia Spiering
Kidlerstraße 4
81371 München
Tel.: 089- 44 23 98 11 / -12
Fax: 089-44 23 98 13
kstammen@cinemaids.de

 

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Stab

Regie
  Ulrich Seidl
Buch
  Ulrich Seidl, Veronika Franz
Kamera
  Ed Lachman asc, Wolfgang Thaler
Ton
  Ekkehart Baumung
Ausstattung
  Andreas Donhauser, Renate Martin
Kostüme
  Silvia Pernegger
Schnitt
  Christof Schertenleib

Besetzung

 
Olga
  Ekateryna Rak
Pauli
  Paul Hofmann
Paulis Stiefvater
  Michael Thomas
Paulis Mutter
  Brigitte Kren
Olgas Freundin (Ukraine)
  Natalija Baranova
Olgas Freundin (Wien)
  Natalia Epureanu
Schwester Maria
  Maria Hofstätter
Pfleger Andi
  Georg Friedrich
Erich Schlager
  Erich Finches

Eine Ulrich Seidl-Film-Produktion
Weltvertrieb und Koproduzent: Coproduction Office
In Zusammenarbeit mit ORF, Arte France Cinéma, ZDF/arte, Convert Immobilien
Gefördert von: Österreichisches Filminstitut, Filmfonds Wien, Land Niederösterreich
Österreich 2007, 135 Min. - Deutsch/Russisch/Slowakisch –
Dolby SRD, Format 1:1,66

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Synopsis

Es ist kalt und grau. Winterzeit. Die Menschen frieren. Das ist so in Österreich. Das ist so in der Ukraine. Zwei verschiedene Welten, die einander immer mehr zu ähneln beginnen. Der Osten sieht aus wie der Westen, der Westen wie der Osten. In dieser Atmosphäre spielen zwei Geschichten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die eine ist eine Import-Geschichte. Sie beginnt in der Ukraine und führt nach Österreich. Die andere ist eine Export-Geschichte, sie beginnt in Österreich und endet in der Ukraine. Die eine handelt von Olga, einer jungen Krankenschwester und Mutter. Olga will was haben vom Leben. Sie will raus aus der Stadt, raus aus dem Land. Sie beschließt nach Österreich zu gehen und sie tut es auch. Im fremden Land im Westen findet sie Arbeit und verliert sie wieder. Sie beginnt als Haushaltsgehilfin in einer Villa und endet als Putzfrau in der Geriatrie.


Zwei Geschichten. Eine Gegenbewegung.


Die andere Geschichte handelt von einem jungen Österreicher, Pauli. Endlich Security-Wachmann geworden, verliert er seinen Job schon wieder. Er findet sich am Arbeitsamt wieder, hat Schulden und macht neue – bei Freunden, Fremden und bei seinem Stiefvater. Der nimmt ihn mit auf einen Job in die Ukraine - Spielautomaten aufstellen. Olga und Pauli. Beide suchen Arbeit, einen Neubeginn, eine Existenz, das Leben. Olga, die aus dem östlichen Teil Europas kommt, wo existenzielle Armut an der Tagesordnung ist. Pauli, der aus dem westlichen Teil Europas kommt, wo Arbeitslosigkeit zwar nicht Hunger, aber Sinnkrise und Nutzlosigkeit bedeutet. Beide kämpfen um den Glauben an sich, um einen Sinn im Leben. Im Westen wie im Osten. Beide reisen in ein anderes Land und damit auch in dessen Abgründe.
IMPORT EXPORT handelt von Sex und Tod, Leben und Sterben, Siegern und Verlierern, Macht und Hilflosigkeit und davon, wie man einem ausgestopften Fuchs fachgerecht die Zähne putzt.

IMPORT EXPORT war 2007 für den Wettbewerb in Cannes ausgewählt.
In der Reihe „Internationales Programm“ lief IMPORT EXPORT im Juni 2007 auf dem Filmfest München.

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Inhalt

Snizne, Ukraine
Olga arbeitet als Krankenschwester in einem Krankenhaus in der Ukraine.
Durch eine menschenleere Schneelandschaft läuft sie zur Bushaltestelle, im Hintergrund anonyme Betonburgen. Im Krankenhaus gibt es nicht einmal fließendes Wasser, denn die Leitung ist eingefroren. Ein Baby wird an eine Infusion gehängt. Es wimmert und ringt nach Luft.
Nach getaner Arbeit stellen sich die Schwestern in einer langen Reihe an, um ihren Lohn ausbezahlt zu bekommen. Wieder, wie schon im Vormonat, gibt es nur 30% des vereinbarten Gehalts: zu wenig zum Leben für Olga und ihr kleines Kind.
So kann das Leben nicht weitergehen.


Wien, Österreich
Ein weites, leeres Übungsgelände in einer Schottergrube am Stadtrand. Ein strenger, lauter Ausbilder trainiert acht junge Typen, die „Security“- Männer werden wollen. Der Ausbilder triezt sie, nimmt sie hart ran, bringt sie an ihre Grenzen. Einer von ihnen ist der Österreicher Pauli, der alleine in seinem kleinen Zimmer weitertrainiert. Boxen, Tritte, alles was man braucht, um ein guter Security-Mann zu werden. Er balgt sich mit seinem Kampfhund Caesar im Schnee. Das gefällt beiden. Als er den Hund mit zu seiner Freundin in die Wohnung bringt, reagiert diese panisch und flieht auf den Balkon. Caesar macht ihr entsetzliche Angst. Sie verzeiht es Pauli nicht, dass er trotz ihrer Angst den Hund einfach in ihre Wohnung bringt und wirft ihn schließlich samt Hund aus der Wohnung.


Ukraine
Olga hat sich sexy herausgeputzt. Sie trägt ein enges schwarzes Jäckchen, knapp anliegende, knielange Hosen und weiße, spitze Lackstiefeletten. Sie will es in einem anderen Job versuchen, dort ist bereits eine Freundin von ihr untergekommen.
Hier arbeiten die Mädchen in Boxen, räkeln sich nackt vor Computerbildschirmen, während ausschließlich österreichische Männer zu hören sind, die den Mädchen per Telefon ihre Wünsche durchgeben.
Sie probiert es aus. Ihr erster Kunde ist ein analfixierter Österreicher, der ihr Gesicht nicht sehen will und sie permanent anschreit. Olga wirkt überfordert. Der Job ist doch schwerer als sie dachte.


Wien
Pauli bei der Arbeit. Er schiebt Wachdienst in einer Tiefgarage. Auf einmal umringt ihn eine jugendlichen Gang. Sie sind zu fünft, er hat keine Chance. Sie demütigen ihn, ziehen ihn bis auf die Unterhose aus, kippen "echt österreichisches" Bier über ihn und tanzen im Kreis um ihn herum. Das ist extrem demütigend und bedeutet gleichzeitig das Ende seines neuen Jobs.


Ukraine / Wien
Olga verabschiedet sich von ihrer Freundin. Sie tanzen in einem Restaurant, zwischen den anderen Gästen. Nachts packt Olga einen kleinen Koffer. Sie will unbemerkt gehen, doch ihre Mutter wird wach. Wortlos umarmen sie sich, bevor Olga aufbricht. Sie nimmt den Zug nach Wien.
Am Bahnhof holt sie eine Freundin ab, bei der sie wohnen kann.
Im Ausbildungsunterricht einer Reinigungsfirma wird Olga und den anderen Anwärterinnen alles genauestens erklärt.WIEN
Pauli ist wieder arbeitslos. Er trifft seinen Stiefvater Michi am Bahnhof, der noch 170 Euro von ihm bekommt. Pauli hat kein Geld, um seine Schulden zu bezahlen.
Er macht ein Seminar mit, in dem man lernt, wie man sich richtig bewirbt.
Der optimistische Trainer setzt ganz auf sein Erfolgsmotto LMAA – „Lächle mehr als andere“. Er lässt eine Teilnehmerin seines Seminars ein fiktives Bewerbungsgespräch am Telefon führen, in dem sie sich als Putzfrau vorstellen soll. Sie wirkt alles andere als überzeugend, doch der Trainer lobt sie, und sie freut sich: „Ich bin Sieger, ich bin Sieger, ich bin Sieger.“


Wien
Olga hat eine Stelle in einem Haushalt gefunden. Die Hausherrin zeigt ihr akribisch genau, was sie zu tun hat. Olga soll einem ausgestopften Fuchskopf die Zähne putzen. Keine einfache Aufgabe. Sie muss sich vom Sohn der Familie anschreien lassen, der behauptet, sie habe sein Handy geklaut. Die Mutter des Jungen, Olgas Chefin, verbietet ihr, mit dem Kind zu diskutieren. Olga sagt nichts, sie gehorcht. Nachts betet sie in ihrem Zimmer im Keller des Hauses, sie ist im Waschmaschinenraum des großen Hauses untergebracht.
Die Hausherrin sieht es nicht gern, dass Olga sich gut mit ihren Kindern versteht. Sie treibt die Kinder aus Olgas Zimmer, dort dürfen sie sich nicht aufhalten.
Argwöhnisch beobachtet die Hausherrin durch ein Fenster Olga und ihre zwei Kinder, wie sie im Schnee tollen und sich balgen. Die Hausherrin kündigt Olga ohne Erklärung.


Wien / Slowakei
Der Stiefvater hat für Pauli einen neuen Job organisiert. Gemeinsam sollen sie alte Kaugummi- und Videoautomaten in der Slowakei und der Ukraine aufstellen, das sei ein Bombengeschäft. Sie machen sich auf den Weg. Der Ertrag ist sehr mager, die Gegend äußerst karg. Abends sitzen sie gemeinsam in der Kneipe. Michi macht eine blonde Slowakin an, Pauli ist davon genervt. Er soll zwischen seinem Stiefvater und der Frau dolmetschen, weigert sich aber.
Er will dem Stiefvater nicht auch noch dabei behilflich sein, andere Frauen anzubaggern. Michi prahlt, dass er alle Frauen „gepudert“ habe, als er jung gewesen sei. Pauli hat daran kein Interesse, er erwidert: „Ich habe meine Harmonie, vor allem dann, wenn du mich in Ruhe lässt.“


Pflegeheim Lainz, Wien
Olga hat einen neuen Job gefunden, als Raumpflegerin in einem Altenpflegeheim. Sie putzt und spendet den Alten Trost, indem sie ihnen zuhört, ihre Hand nimmt. Doch schon bald wird sie dafür gerügt. Sie darf die Patienten nicht anfassen, sie habe ausschließlich sauber zu machen. Dass sie in der Ukraine Krankenschwester war, interessiert niemanden, vor allem nicht Schwester Maria, der Olga von Anfang an ein Dorn im Auge ist. Sie unterstellt Olga sogar, dass sie sich den Patienten Erich Schlager als Opfer auserkoren hätte, um diesen zu heiraten, damit sie leichter in Österreich bleiben könne.
Kurze Zeit später macht Erich Schlager Olga das Angebot, sie tatsächlich zu heiraten. Olga lehnt dankend ab, er sei „viel zu alt für sie“.


Slowakei
Michi und Pauli kommen in eine Vorstadt, in der ausschließlich Roma wohnen. Eine Gegend, in der man besser nicht aus einem Auto mit österreichischem Kennzeichen aussteigen sollte. Michi zwingt Pauli zu einer Art Mutprobe: Er soll alleine in das vor ihnen liegende Haus gehen, dafür würde er ihm zwanzig Euro seiner Schulden erlassen.
Pauli hat überhaupt keine Lust auf solche Spielchen, aber ihm bleibt keine Wahl.
Wenige Sekunden später wird er von einigen Typen umringt, die ihm ein blondes Mädchen für fünfzig Euro die Stunde anbieten. Pauli will nicht, er hat ohnehin kein Geld. Als die Männer das begreifen, werden sie sauer. Pauli kann in den Lieferwagen flüchten, der bereits von Dutzenden von Kindern umringt wird. Pauli und sein Stiefvater fahren los und werfen dabei die Automaten-Kaugummis aus dem Auto, um die Kinder abzulenken.


Pflegeheim Lainz, Wien
Die Alten jammern vor sich hin, eine alte Frau ruft unentwegt „stinkt, stinkt, stinkt“.
Eine andere wispert mit hohem, dünnen Stimmchen „Wer bringt mich zu meiner Mutter?“
Olga ruft ihr Kind an, heimlich, von einer Besenkammer aus. Sie singt ihm ein Lied vor, legt auf.
Herr Schlager macht ihr erneut das Angebot, sie zu heiraten. Heimlich geht sie mit ihm in den Wäscheraum des Krankenhauses, tanzt mit ihm zu russischen Schlagern im Stil der 30er Jahre, zu Liedern aus ihrer Heimat.


Uzgorod, Ukraine
Michi und Pauli beziehen ein Zimmer in einem billigen Intourist-Hotel. Der Fernseher funktioniert nicht, die Heizung ist kalt. Michi macht großspurig die Ankündigung, dass jetzt die drei „Bs“ an der Reihe wären: „Brunzen, Bier, Pudern“. Pauli und Michi gehen in die Hotelbar und betrinken sich. Michi spricht ein sehr junges, aufgetakeltes Mädchen an und beginnt in ihrem Beisein, unschön über sie zu reden. Er nimmt sie in das Hotelzimmer. Als Pauli reinkommt, kniet das Mädchen bereits auf dem Boden und streckt Michi ihren nackten Hintern entgegen. Michi will Pauli die „Macht des Geldes“ demonstrieren…


Pflegeheim Lainz, Wien
Erich Schlager ist tot. Er hatte einen Herzinfarkt und liegt nun im Totenzimmer. Olga sieht ihn sich ein letztes Mal an, nimmt Abschied von ihm.
Es gibt eine Faschingsfeier im Pflegeheim. Die apathischen Insassen tragen blinkende Satanshörner oder lächerliche Hütchen auf dem Kopf. Auch die Pfleger und Angestellten haben sich verkleidet. Die Räume sind dekoriert mit Girlanden. Pfleger Andi will mit Olga tanzen. Die will erst nicht, dann doch. Schwester Maria ist eifersüchtig. Sie passt Olga im Gang ab und stürzt sich auf sie, prügelt sich mit ihr. Doch Olga ist stärker.


Ukraine
Pauli verlässt das Hotel und trennt sich von Michi. Er wirft sich seine kleine Reisetasche über die Schulter und beginnt bei den Leuten auf dem Großmarkt nach einem Job zu fragen. Doch es gibt keinen für ihn.
Pauli läuft wieder los, die Strasse entlang, versucht zu trampen.


Pflegeheim Lainz, Wien
Die Reinigungskräfte sitzen gemeinsam in der Wäscheküche und lachen. Im Krankenzimmer ist es Nacht geworden. Es ist ruhig. Die Ruhe wird von einigen Wortfetzen durchbrochen. Man hört „Stinkt, stinkt, stinkt“, „Wer ist da?“ und eine Stimme die erwidert: „Hör auf zu schreien“. Dann wird es still.
Vor der Abblende hört man dreimal leise die Worte: „Tod. Tod. Tod.“

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Besetzung

Ekateryna Rak stand für "Import Export" zum ersten Mal vor der Kamera. Sie wurde während eines langwierigen Castings in der Ukraine gefunden. Ursprünglich ausgebildete Krankenschwester, spielt die 28jährige am Theater in Nikolaev (Ostukraine) Rollen wie Schneewittchen oder das Eichhörnchen. Ekateryna Rak hat Westeuropa vor IMPORT EXPORT nie besucht und erst für ihre Filmrolle Deutsch gelernt.


Paul Hofmann liebt Kampfsport und Kampfhunde. Er hat im Alter von 14 Jahren sein Elternhaus verlassen und schon ein bewegtes Leben hinter sich. Er hat zur Zeit keinen festen Wohnsitz, wechselt häufig seine Telefonnummern und war schon im Gefängnis. Er glaubt an die große Liebe und wartet auf sie.


Michael Thomas Der Sohn des Kabarettisten Fred Weis und der Schauspielerin Tilla Hohenfels, arbeitete in seiner Jugend als Seemann und Rausschmeißer. Er ist seit 18 Jahren Old-Shatterhand-Darsteller und damit der Dienstälteste des deutschen Sprachraumes. Michael Thomas ist ein Allroundtalent als Schauspieler, Sänger, Autor, Regisseur und zweifacher Vizestaatsmeister im Boxen. 


Maria Hofstätter Für ihre Rolle als Autostopperin in Seidls erstem Spielfilm "Hundstage" preisgekrönt, zog sie für IMPORT EXPORT die Krankenschwestern-Uniform an und bereitete sich in Tag- und Nachtdiensten in der Geriatrie auf ihre Rolle vor. Sie wechselte Windeln und Gebisse und wurde bald von Pflegern wie Patienten als "Schwester Maria" geliebt.
 
Georg Friedrich will ich einfach in jedem meiner Filme haben“, sagt Ulrich Seidl. Seit „Hundstage“ hat Friedrich, 24, in gut zwanzig Kinofilmen gespielt. In lMPORT EXPORT spielt der Wiener einen Pfleger. Auch er arbeitete schon Monate vor den Dreharbeiten in der Geriatrie. Beim Windelwechseln fand er zu seiner Rolle.


Natalija Baranova, gebürtige Lettin aus Riga, hat schon in mehreren Filmen mitgespielt: unter anderem in Andrej Cernychs „Avstriyskoe Pole“ oder Barbara Gräftners „Mein Russland“. Sie spielt Olgas ukrainische Freundin im Internet-Sex-Shop. Baranova, die in Wien Germanistik studiert hat und den Magister-Titel trägt, arbeitet zur Zeit als Kellnerin.


Natalia Epureanu spielt die Wiener Freundin von Olga. In ihrer Heimat Moldawien war sie Sekretärin und studierte Sportlehrerin, in Österreich arbeitet sie als Putzfrau und Tierpflegerin. Ihr Schicksal ist ähnlich dem von Olga: Sie hat ihr Kind in Moldawien zurückgelassen, lebte in Österreich illegal als Putzfrau, ließ ihre Tochter Jahre später nachkommen und hat sich inzwischen eine Existenz aufgebaut.
 
Erich Finsches war in seinem Leben schon vieles: Buffet-Besitzer, Marktfahrer, Taxichauffeur, Marmeladenkoch, Getränkeerzeuger und Schauspieler in „Hundstage“. Jetzt ist der Invalidenrentner Pfandhausbesitzer. Für IMPORT EXPORT legte er sich unter die Patienten ins geriatrische Spital und durfte der erste Mensch sein, der in einem Ulrich-Seidl-Film stirbt.

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Ulrich Seidl Filmographie

Ulrich Seidl, geboren 1952, lebt in Wien, Österreich
Ulrich Seidl ist Regisseur zahlreicher, preisgekrönter Dokumentarfilme wie „Jesus, du weißt“, „Models“ oder „Tierische Liebe“. Seine Arbeitsmethode, größtmögliche Authentizität zu erreichen und Menschen in einsamsten und persönlichsten Momenten zu zeigen, hat viele Diskussionen hervorgerufen.
Seidls erster Spielfilm „Hundstage“ gewann den Großen Preis der Jury in Venedig 2001.
IMPORT EXPORT ist der erste Film, bei dem Seidl auch als Produzent fungierte.
IMPORT EXPORT ist Ulrichs Seidls zweiter Spielfilm. Er lief im offiziellen Wettbewerb der internationalen Filmfestspiele Cannes 2007.
Im Juni 2007 lief IMPORT EXPORT in der Reihe „Internationales Programm“ beim Münchner Filmfest.Kinofilme

1990 Good News – Von Kolporteuren, toten Hunden und anderen Wienern
1992 Mit Verlust ist zu rechnen
1995 Tierische Liebe
1998 Models
2001 Hundstage
2001 Zur Lage
2003 Jesus, du weißt

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Interview Ulrich Seidl

IMPORT EXPORTwar ein anstrengendes Projekt: In der Ukraine haben Sie bei Minus 30 Grad gedreht, in Österreich unter Sterbenden. Geht das an die Grenze der Belastbarkeit oder ist das Normalbedingung?


Ulrich Seidl: Jeder Film hat eigene Gesetze und kaum einer fliegt mir zu. Aber äußere Bedingungen schrecken mich selten ab. Ich glaube, dass intensive und extreme Szenen und Bilder immer auch unter extremen und intensiven Bedingungen entstehen.


In Ihrem Film geht es um Arbeits-Migration zwischen Ost und West. Was ist Ihnen zuerst aufgefallen, der Import oder der Export?


Seidl: Der Export. Die Idee zu diesem Film kam bei der Arbeit an einem anderen Film. Bei den Recherchen zum episodischen Dokumentarfilm „Zur Lage“ habe ich eine proletarische Großfamilie kennengelernt, in der alle arbeitslos waren. Seit dieser Begegnung habe ich daran gedacht, sie zur Vorlage eines Spielfilms zu machen. Und was den Import betrifft: Schon seit Jahren hatte ich den Wunsch, in Osteuropa einen Film zu drehen, weil ich mich den Menschen dort sehr nahe fühle. Also habe ich angefangen, Geschichten zu schreiben, die sich von Ost nach West und von West nach Ost bewegen.


Sind die Darsteller der beiden Hauptrollen Schauspieler oder wieder Laien wie in ihrem letzten Film „Hundstage“?


Seidl: Die beiden Hauptdarsteller sind vorher noch nie vor einer Kamera gestanden. Paul Hofmann, der Österreicher, lebt sehr nahe an der Rolle, die er verkörpert. Auch er ist arbeitslos, treibt sich herum, sucht die Liebe und den Kampf der Straße. Ekateryna Rak, die Ukrainerin, war Krankenschwester und spielt jetzt Kinderrollen am Theater. Vor ihrer Filmrolle ist sie noch nie im Westen gewesen und hat auch nicht vor, hier zu leben.


Die beiden Hauptfiguren begegnen einander in der Geschichte nicht. Warum eigentlich nicht?


Seidl: Sie sollten einander sogar treffen, wortlos, an der Grenze. So stand es im Drehbuch, und ich glaube, so würde es in jedem Drehbuch stehen. Als der Zeitpunkt des Drehens kam, wollte ich aber keine äußere Grenze mehr im Film haben, weil die ja ohnehin fallen. Ganz im Gegensatz zu den gesellschaftlichen Grenzen. Die bleiben.


Sie haben den Film über zwei Winter gedreht. Sie haben zwei Jahre geschnitten und ein Jahr gecastet. Wieso dauert die Arbeit an Ihren Filme so lange?


Seidl: Weil bei mir alles ein bisschen langsamer geht (lacht). Nein, Im ernst: meine Drehbücher sind ja nur Drehvorlagen. Das heißt: Der Film nimmt irgendwann seinen Anfang und ich begebe mich mit meinem Team auf eine Reise. Die Reise hat zwar ein Ziel, aber die Wege dorthin kennt niemand. Es ist ein Prozess, der sich entwickelt und es gibt sehr oft auch Stehzeiten, weil mir einfach nicht das Richtige einfällt.


IMPORT EXPORT ist ein Spielfilm, der so inszeniert ist, dass er stellenweise extrem dokumentarisch wirkt...

Seidl: IMPORT EXPORT ist in dem Sinn dokumentarischer als „Hundstage“, als er zu einem beträchtlichen Teil in wirklichen, also dokumentarischen, öffentlichen Räumen und Welten gedreht wurde. Also in wirklichen Spitälern, wirklichen Arbeitsämtern, wirklichen Sex-Agenturen oder geriatrischen Anstalten.


A propos geriatrische Anstalt: Auch dort haben Sie Schauspieler mit echten Patienten gemischt. Wie schwierig war es, mit Sterbenden zu drehen?


Seidl: Schwierigkeiten gab es nur von Seiten der Behörde und des Personals. Man hat massiv versucht, mein Vorhaben zu verhindern, weil die geriatrischen Institutionen in Österreich durch diverse Skandale in Verruf geraten sind. Wir haben Monate vor den Dreharbeiten begonnen, Zeit mit den Patienten zu verbringen. Die Schauspieler haben sich großartig in das Alltagsleben der Geriatrie eingelebt und sind schließlich ein Teil davon geworden. Für die Patienten selbst, natürlich nur für die, die es noch mitbekommen haben, waren unsere Dreharbeiten eine willkommene Abwechslung ihres Gefängnisalltags.


Mit Ihrem ersten Spielfilm „Hundstage“ haben Sie bei den Filmfestspielen von Venedig den Großen Preis der Jury gewonnen. Verändert Sie Erfolg? Verändert er ihre Arbeit?


Seidl: Ich glaube nicht. Einen Film zu machen, ist für mich immer mit großen Anstrengungen verbunden und bedeutet oft einen Leidensweg. Ich mache es mir und meinen Mitarbeitern nicht leicht und jeder Film ist auch ein Abenteuer, das man sich erkämpfen muss. Ich habe kein Erfolgsrezept. Schon beim nächsten Film ist der Absturz möglich.


Ed Lachman, einer der beiden Kameramänner mit denen Sie in Import Export zusammengearbeitet haben, hat Sie als jemanden beschrieben, der ein moralischer Filmregisseur sei, aber kein moralistischer. Sehen Sie das auch so?


Seidl: Ich will die Leute im Kino nicht nur unterhalten, sondern sie berühren, wenn nicht sogar verstören. Ich übe mit meinen Filmen Kritik, nicht am einzelnen Menschen, sondern an der Gesellschaft. Und ich habe eine Vision von einem würdigen Leben. Wenn es ein Film schafft, beim Zuschauer über das Vergnügen hinaus etwas aufzubrechen, das mit seinem eigenen Leben zu tun hat, dann hat er viel erreicht. Ich will, dass die Menschen im Kino auf sich selbst zurückgeworfen werden.


Sie sind keineswegs der klassische, sozialkritische Filmemacher. Sie zeigen. Sie bewerten nicht.


Seidl: Ich habe keine Ideologie zu einer Verbesserung der Welt. Es geht nie darum, den Einzelnen zu bewerten. Ich versuche, einen ungeschönten Blick auf das Leben zu werfen. Ich glaube, dass die Realität uns alle betrifft, unsere Ängste und unsere Sehnsüchte: Die Angst vor dem Tod und die Sehnsucht nach Liebe.


Der Pessimismus in Ihrer Arbeit wurde oft diskutiert. Gleichzeitig arbeiten Sie mit dem Element des Humors...


Seidl: Das Schreckliche, das Unabwendbare ist oft besser mit Humor zu ertragen. Außerdem bin ich immer auf der Suche nach den Schnittstellen zwischen Tragödie und Komödie. Und was den Pessimismus betrifft: Für mich ist der Optimist nicht a priori konstruktiver als der Pessimist und deswegen auch nicht positiver zu bewerten. Wenn ich mit offenen Augen die Welt anschaue, komme ich oft am Pessimismus nicht vorbei. Aber wie jeder Pessimist habe ich ja auch das Schöne vor Augen.


Import Export ist ein schockierender Film, andererseits könnte man ihn den bisher humanistischsten Ihrer Filme nennen. Sind Sie milder und weiser geworden?


Seidl: Hoffentlich weiser, aber nicht milder. Aber alle meine Filme sind aus meiner humanistischen Weltsicht entstanden. Auch wenn sie verstört, provoziert oder schockiert haben.

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Interview Ed Lachman

Der US-Amerikaner Ed Lachman ist einer der vielseitigsten Kameramänner des zeitgenössischen Kinos. Lachmans Lehrjahre fielen in die Blütezeit des deutschen Autorenkinos der 70er-Jahre. Er arbeitete mit Werner Herzog („Stroszek“), Wim Wenders oder Volker Schlöndorff. Später fotografierte er in den USA Blockbuster wie Steven Soderberghs „Erin Brockovich“ mit Julia Roberts. Zuletzt stand er für einige der erfolgreichsten Filme des US-Independent-Kino hinter der Kamera: für Sofia Coppola (The Virgin Suicides), Todd Haynes ( I‘m Not There) oder Robert Altmans letzter Film „A Prairie Home Companion“. Bei Larry Clarks „Ken Park“, führte er auch Co-Regie. Ed Lachmans Werk umfasst 62 Dokumentar- und Spielfilme.

Ulrich Seidl ist als Perfektionist bekannt. Auf der anderen Seite ist er offen für den kreativen Input von Leuten, die wissen was sie tun. Waren Sie bereit, den Inhalt des Filmes mitzugestalten?


Ed Lachman: Nun, Ulrich ist sehr stark darin, wie er visuell eine Geschichte erzählt, indem er Tableaus benutzt, die dem Publikum gestatten, die Welt von Außen zu betreten, fast wie jemand, der einen Raum betritt und sich in dem Raum umsieht, oder wie wenn man auf der Strasse gehen würde. Er lässt den Betrachter in gewisser Weise die Kamera sein, und dann setzt er die Handkamera ein, um mit seinen Protagonisten noch intimer zu sein, so dass das Publikum noch mehr involviert ist.


Mussten Sie viel improvisieren? Kameratechnisch?


Lachman: Ja, es gibt ein gewisses Maß an Improvisation, und daher kommt, glaube ich auch die Kraft seiner Bilder. Es sind keine überstilisierten Hochglanz-Bilder, es sind Bilder, von denen er will, dass wir sie ihm glauben. Bilder, die zu den Protagonisten, zur Geschichte führen. Da ist kein Widerspruch, zwischen dem, was du siehst, und dem, was du für die Protagonisten empfindest. Alles wächst zusammen. Ich denke, dass Ulrichs Filme eine gewisse Zerbrechlichkeit der menschlichen Erfahrung einfangen, und dass die Kamera das ebenfalls einfangen muss.


Seidls Bilder sind häufig provokant. Betreten Sie dieses bizarre Universum mit Leichtigkeit oder haben Sie damit Probleme?


Lachman: Nein, ganz und gar nicht. Ich glaube, die Leute verstehen oft nicht, dass diese Bilder Metaphern sind. Das ist die Stärke des Kinos: Wie du eine Geschichte in visuellen Metaphern erzählst. Und wie Bilder dann Ideen repräsentieren, und über das hinausgehen, was du gerade siehst.


Wie gehen Sie mit Ulrich Seidls Neugier um, die intimsten Geheimnisse der Protagonisten auszuleuchten?


Lachman: Für mich enthüllt Seidl private Momente von Menschen, die man nicht notwendigerweise sehen will; Momente, die man vielleicht bei sich selbst erlebt. Ich glaube, das ist es, was sein Geschichten-Erzählen so effektiv macht. Für mich ist er eigentlich ein sehr moralischer Regisseur. Sein Geschichten-Erzählen ist sehr moralisch, ohne dass er selbst ein Moralist wäre. Das ist, glaube ich, eine sehr schwierige Sache, und ich glaube nicht, dass es seit Kieslowski einen Regisseur gegeben hat, der so etwas gemacht hat. Er zeigt Dinge mit seiner persönlichen Art der Moral - ohne dabei dem Zuschauer zu predigen. Seidl erlaubt der Intelligenz der Zuschauer, die Wahl zu treffen, wie sie etwas aufnehmen.


Wie geht es Ihnen mit Seidls Gang auf der dünnen Linie zwischen Dokumentarfilm und narrativem Spielfilm?


Lachman: Seltsamerweise halte ich alle Filme für dokumentarisch. Denn sogar in einem narrativen Film, in dem man die Kamera aufstellt, das spezifische Licht setzt, die Schauspieler dieselben Zeilen sagen werden, selbst da ist keine Einstellung, keine Bewegung jemals dieselbe. Seidl ist als Regisseur dafür bekannt, dass er am Set nicht allzu viel Worte verliert.


Arbeiten Sie mit intuitiven Menschen wie ihm, mit „leisen Regisseuren“, gut zusammen?


Lachman: Das ist einen Sache des gegenseitigen Verständnisses. Man kann alle Konversationen der Welt führen, aber trotzdem zu keinem Verständnis kommen. Man kommuniziert ja nicht nur durch Worte. Was für mich an seiner Arbeit interessant ist, ist, dass er die Grenzen des Films auslotet. Traditionell denken wir von Film als der Illusion von Realität. Aber was ist die Realität der Illusion? Ich denke, er hinterfragt, was die Realität der Illusion ist. Oder ist die Realität die Illusion? Vielleicht geht es ihm vielmehr darum: ist die Realität die Illusion? Das ist eines der Paradoxa von Seidls Arbeit.


Was Sie sagen, klingt sehr theoretisch. Aber auf der anderen Seite ist da diese schiere, fleischliche Energie seiner Filme...


Lachman: Stimmt, und ich denke, das ist es auch, was für viele Menschen so verstörend ist. Sie sind nicht sicher: soll das eine Art Realität dokumentieren oder ist es ein narratives Element? Aber ich denke, wenn man eine Geschichte erzählen will, muss man beide Seiten erkunden, und wie ich schon gesagt habe, er hält ihnen diesen Spiegel vor, in dem sie sich selbst sehen können. Das ist die Kraft in seiner Arbeit und das macht seine Arbeit so einzigartig.

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Interview Wolfgang Thaler

Wolfgang Thaler hat als Kameramann in Extremsituationen gedreht, seine Bilder gehören zu den außergewöhnlichsten, die es im zeitgenössischen europäischen Kino gibt. Neben seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Ulrich Seidl an Filmen wie „Hundstage“, „Jesus, du weißt“, „Spaß ohne Grenzen“ hat er auch Michael Glawoggers radikale Reisefilme „Megacities“ und „Workingsmen Death“, Andrea Maria Dusls Ostblock-Roadmovie „Blue Moon“ und zuletzt Pepe Danquarts Bergesteigerfilm „Am Limit“ fotografiert. Der gelernte Bienenzüchter ist aber auch als Regisseur eigener Dokumentarfilme über Bienen, Ameisen oder Salz erfolgreich.


Sie sind bekannt als Schöpfer grandioser, gewaltiger Bilder. Wie ist das, wenn man als Kameramann auf einen Regisseur trifft, der selbst starke Bilder im Kopf hat?


Wolfgang Thaler: Die Aufgabe des Kameramannes ist ja nicht die, seine eigenen Vorstellungen in Bilder umzusetzen, sondern die Wünsche der Regie. Manchmal habe ich allerdings versucht, Ulrich Seidls Bilder ein wenig zu „entseideln“, ein wenig mehr Seele hineinzulegen, etwa, wenn ich Handkamera mache. Ulrich ist nicht mehr so strikt wie am Anfang, als wir uns zu unserer ersten Zusammenarbeit getroffen haben. Er lässt sich auch von anderen Bildern überzeugen, wenn er spürt, dass sie gut sind. Ulrich Seidl ist ein Mensch, der definitiv weiß, was er nicht will aber dennoch für alles andere offen ist.


Sehen Sie sich als Spezialist für Extremfälle, bei denen die meisten Menschen abwinken würden?


Thaler: Überhaupt nicht. Für mich war das extreme Arbeiten bloß die einzige Chance, mich als Kameramann zu etablieren. Es begann mit dem Angebot, nach Tibet zu gehen, vier Monate lang mit der Kamera am Rücken über 5000er-Pässe zu gehen. Das war meine Eintrittskarte in die Filmbrache. Aber ursprünglich war es kein Anliegen. Und ich mache ja, Gott sei Dank, auch harmlosere Filme.


IMPORT EXPORT war ein anstrengendes Projekt. Drei Jahre lang wurde gedreht, in der Ukraine bei Minus 30°, in Österreich unter Sterbenden. Geht das an die Grenze der Belastbarkeit?


Thaler: Ja, aber für mich ist das Normalbedingung.

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Drehtagebuch

Aus dem Drehtagebuch von Klaus Pridnig, Regieassistent

Drehtag 26 Winter 2006, Ostukraine, -20° bis -30
Zweimal sah ich Seidl bei den Dreharbeiten lächelnd und glücklich: Einmal, als uns ein Schneesturm während des Drehs in Kos╣ice überraschte, und wir kaum noch die Hand vor Augen sahen, ein zweites Mal in der Ostukraine, bei Schneeverwehungen und -30°. Während alle an den äußersten Grenzen ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit angekommen waren, war nur einer glücklich: Seidl.


Drehtag 34 Rote Bar im Hotel Zarkarpatia, Uschgorod, Westukraine
Weil für Seidl alle Motive original belassen werden müssen, was Atmosphäre und Menschen betrifft, musste in der roten Bar bei vollem Betrieb gedreht werden. Eingeklemmt zwischen betrunkenen ukrainischen Schlägern und einer korrupten, halbkriminellen Security drehten wir zwei Nächte lang unter Beschimpfungen und Bedrohungen. Einmal mussten wir sogar die Polizei einschalten, die aber auch erst einmal Geld von uns wollte, um die betrunkenen Schläger, die uns terrorisierten, zu entfernen. Seidl, der sich auf seine Inszenierung konzentrierte, bekam davon wenig mit, und wie bei minus 30° im Schneesturm lächelte er und war glücklich. Zum dritten Mal, übrigens.


Drehtag 42 Vom minimalen Tanken in der Ukraine
Oft ging Fahrzeugen das Benzin aus, weil länger gedreht wurde, als ich ursprünglich geschätzt hatte. Einmal sprang Seidl wie ein Rumpelstilzchen, weil einem Motorrad beim Dreh das Benzin ausgegangen war. Er verstand nicht, dass, egal wie viel Geld ich dem Fahrzeughalter auch gab, dieser doch nur ein Gläschen Benzin tankte und den Rest des Geldes behielt. Minimales Tanken (tröpfchenweise) ist in der Armut der Ostukraine eine Tradition, die durch nichts durchbrochen werden kann. Schon gar nicht dadurch, dass ein Regisseur aus Österreich das will.


Drehtag 45 Stahlwerk Enakievo und die Mafia
Eines unserer Lieblingsmotive war ein Stahlwerk in Enakievo. Für die Drehgenehmigung mussten wir direkt mit einem Zweig der Donetzker Mafia verhandeln. Nach zähem Hin und Her und einem für mich äußerst ungesundem alkoholgeschwängertem Abend mit einem der zuständigen Halbweltler, gelang es, diese Genehmigung zu bekommen. Doch wie sooft bei Seidl: Kurz vor den Dreharbeiten befand er, das Motiv doch nicht zu brauchen, er sagte den Dreh einfach ab - der Halbweltler war vor den Kopf gestoßen. Erst als wir die Miete für das (nicht verwendete) Motiv zahlten und auch noch eine Flasche eines edlen Cognacs beifügten, versprach er, uns nicht umzubringen. Sofern wir ihm nie wieder unter die Augen kämen.


Drehtag 47 Heizung abdrehen bei -20°.
In der Ostukraine hatten wir eine Wohnung ausgewählt, die zur Wohnung der Figur Olga umgestaltet wurde. Die Wohnung war wie viele sehr kalte Wohnungen in der Ostukraine Fernwärme geheizt, das heißt, dass sie willkürlich vom Staat ab- und angeschaltet werden konnten. Diese Wohnung war allerdings zufällig wärmer als üblich. Und so wollte Seidl, der den Atem vor den Gesichtern der Darsteller sehen wollte, wie er das von seinen Recherchen kannte - dass wir den Besitzern die Erlaubnis abringen, Ventile in die Heizung einzubauen, um diese abzuschalten. Die Besitzer der Wohnung hielten uns
tagelang für verrückt – wer dreht bei –20 Grad die Heizung ab? Sie stimmten Seidls Kühlwunsch erst nach langwierigen Verhandlungen zu.


Drehtag 51 Das Laienhundecasting in der Geriatrie
Trotz meiner Bedenken, dass der ganze Dreh an Schwierigkeiten kaum zu übertreffen sei, wollte Seidl unbedingt einen Hund in diversen Szenen. Da Seidl kaum professionelle Darsteller besetzt, musste klarerweise auch der Hund ein Filmamateur sein, ein trainierter Filmhund kam nicht in Frage. Also durchkämmten wir das Krankenhausgelände und suchten Schwestern, Ärzte und Pfleger, die einen Hund besaßen. Wir veranstalteten sozusagen ein Laienhundecasting. Der Hund, der zuletzt ausgewählt wurde, und uns in vielen Szenen mehr störte als begeisterte, kommt im fertigen Film übrigens in einer Szene vor. Immerhin.


Drehtag 57 Faschingsfest in der Geriatrie
Das schwierigste Unterfangen beim ganzen Geriatrie-Dreh war das Faschingsfest. All die alten Leute von verschiedenen Stationen zum Drehort zu schaffen, sie zu schminken und zu kostümieren, die Dreharbeiten mit der Essensausgabe zu koordinieren, die verantwortlichen Pfleger zu beschwichtigen oder gar zur Kooperation zu bewegen, das ganze stundenlang unterlegt vom Lied „Wiener Blut“ - eine echte Sisyphus-Arbeit. Von allen Lainz-Dreh-Tagen war dies der anstrengendste, härteste, organisatorisch komplizierteste und genehmigungstechnisch heikelste. Selten waren wir so froh, einen Drehtag hinter uns gebracht zu haben, selten waren wir vor allem so froh, dass wir es überhaupt drehen konnten. Seidl schreckt so etwas nur wenig: Monate später wurde die ganze Szene noch einmal gedreht, weil Seidl nicht zufrieden mit dem Ergebnis war. Ich kenne ihn. Ich hätte das voraussagen können.


Drehtag 62 Herr Koller und der Schweinsbraten
Ein schwieriger Patient, Herr Koller, war nur solange zur Kooperation bereit, als sein Fernseher lief. Stundenlang lag er seitlich aufgestützt in seinem Bett, die Nase zwei Zentimeter vor dem Bildschirm, weil er schon fast blind war, den Ton voll aufgedreht, weil er schon schlecht hörte. Wann immer man ihn bat, den Fernseher auszuschalten oder aber den Ton leiser drehte, erhob sich ein Schreikonzert ersten Ranges. Herr Koller schrie, Herr Koller brüllte. Es war kaum auszuhalten. Dann trat Seidl auf. Er sprach mit ihm und versprach, ihm das nächste Mal Schweinsbraten mitzubringen. Von diesem Moment an fragte Herr Koller immer nur nach Herrn Seidl, und ob er ihm vielleicht wieder Schweinsbraten brächte. Der Fernseher war gar kein Problem mehr. Den Schweinsbraten aß er übrigens in der Nacht, wenn alle anderen schliefen.


Drehtag 68 Lieber Heiliger Herr Ulrich
Frau Schlamm, uralt und bettlägrig, begann laut zu beten, wenn jemand ihren Raum betrat: „Heiliger Antonius“, flehte sie, „bitte, bitte, bring mich doch zu meinen Eltern in den Garten. Bitte, bringe mich wenigstens zur Bushaltestelle, damit ich selber fahren kann. Bitte lieber Heiliger Antonius. Meine Eltern werden es dir mit ganz viel Obst vergüten, das du dann mitnehmen kannst.“ Nach zwei Drehtagen klang ihr Gebet dann so: „Lieber Herr Ulrich! Bitte bringen Sie mich zur Haltestelle, damit ich zu meinen Eltern fahren kann. Bitte, bitte, lieber Herr Ulrich...“

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Pressestimmen

"Atemberaubend ist der Humor, der nun auch in diesen Bildern steckt, und die Menschlichkeit, die sich in den unerwartetsten Momenten plötzlich Bahn bricht – als müsse dieser Filmemacher, der nunmehr in die Riege der großen Meister aufgerückt ist, nur lange genug dorthin schauen, wo sonst niemand mehr hinblickt, um eine gänzlich eigenwillige Form der Schönheit und Wahrheit zu finden.“
Die Süddeutsche Zeitung, Tobias Kniebe


"Every Cannes has it’s shicker, it’s scandal and Ulrich Seidls Import Export came close to this Prize. Seidls eye for the grotesque makes him the Diane Arbus of world cinema, and this was often startling, horrible and brillant."
The Guardian, Peter Bradshaw


"Vielleicht versteht es ausgerechnet der Österreicher Ulrich Seidl derzeit von allen Filmemachern am besten, mit einer Präzision, Lässigkeit und Bosheit das Innerste von leidenden Menschen in grandiose Kinobilder zu übersetzen. Seidl erzählt von sexuellen Erniedrigungen und brutaler Gewalt, kleinen menschlichen Annäherungen und banaler Gehässigkeit in langen, stets auf neue überraschenden Einstellungen und beweist dabei soviel grelle Poesie und Zärtlichkeit, dass man dem Zauber seiner Horrorwelt fast ohne Gegenwehr verfällt.
Zehn uralte, dem Tod geweihte Menschen teilen sich den Saal des Wiener Krankenhauses und im Schein grünstichiger Nachtlichter hebt ein Konzert des Röchelns und Wimmerns an. Die Szene ist schier endlos, unerträglich, und doch wunderschön. Und lässt für einen Augenblick ahnen, dass die Kinokunst im besten Fall ein Versprechen auf Erlösung ist im Jammertal voller Schmerz und Gemeinheit, das unsere prachtvolle Welt leider nun mal ist."
Der Spiegel, Wolfgang Höbel


"Ulrich Seidl richtet seine Kamera auf das, was man nicht unbedingt sehen will, aber so zwingend, dass man nicht wegschauen kann (...) Import Export ist ein Film, der eine donnernde Stille hinterließ."
Die Zeit, Katja Nicodemus


"Import Export is a disturbing, sometimes brillant new film by Austrian film director Ulrich Seidl. It was very hard to watch, but I have the feeling I will need to see it again“.
New York Times, Manohla Dargis


"Selten hat Ulrich Seidl eine Balance besser hingekriegt: Einerseits einen fantastisch realistischen Kosmos zu malen, andererseits aber die Figuren, die diese Welt bevölkern, nicht zu Marionetten künstlerischer Weltanschauung werden zu lassen....Import Export ist ein Film, der Stunden und Tage später noch nachwirkt."
Der Standard, Claus Philipp


"Import Export ist ein großer Film eines grimmigen Humanisten..."
Die Presse, Christoph Huber


"Import Export ist in seiner Zurückgenommenheit Seidls bisher radikalster Film."
Kurier, Gert Korentschnig

"IMPORT EXPORT gerät zu einem grandiosen Werk, das, Engagement und Konsequenz betreffend, im deutschsprachigen Kino ohne Vergleich ist."
Oliver Baumgarten, Schnitt


"...eine Liebeserklärung an Menschen, die manchmal das Richtige tun."
Chrismon


"Und da werden auch Seidls Bilder sanfter, fließender, offener und wärmer. Doch, man kann sich IMPORT EXPORT als optimistischen Film vorstellen."
epd Film


"Seidl überschreitet nicht nur Grenzen, sondern hat auch einen Humor, der so entlarvend und lakonisch ist wie ein Wiener Trinklied."
Galore


"Kein Film wird in den nächsten 12 Monaten tiefere Spuren hinterlassen."
Manifest

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