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KurzinhaltZwölf und siebzehn waren Matthias Brandt und Pierre Guillaume im Jahr 1974, als Willy Brandt als Bundeskanzler zurücktreten musste, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sein engster Berater Günter Guillaume ein DDR Spion war. Fast 30 Jahre später bringt Doris Metz die beiden inzwischen erwachsenen Männer zum Sprechen, über ihre persönliche Wahrnehmung der öffentlichen Väter und vor allem ihren langen Weg der Emanzipation: Zwei Söhne in Deutschland, die durch die Geschichte dieses Landes zugleich verbunden und getrennt sind. Zwei Väter, die schattenhaft enigmatisch sind, und zugleich einen riesigen Schatten werfen, aus dem die Söhne heraustreten müssen. Nach der filmischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der RAF wird hier ein weiteres Kapitel der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts aufgeschlagen, das bis heute nachwirkt. Es geht um die universelle Auseinandersetzung von Söhnen mit ihren Vätern, ebenso wie um das spezifische Zeitgefühl in Deutschland nach der Wende. Als Spion war Günter Guillaume gezwungen, seine wahre Identität
auch vor seinem Sohn zu verheimlichen. Überraschenderweise offenbart
sich im Verlauf der Gespräche jedoch, dass auch der charismatische Politiker
Brandt für seinen Sohn ein Rätsel geblieben ist. LanginhaltAm 24. April 1974 wird Pierre Guillaume durch den Aufruhr, den die Beamten des Bundeskriminalamtes in der elterlichen Wohnung in Bonn verursachen, jäh aus dem Schlaf gerissen. Auch für Matthias Brandt markiert dieser Tag das Ende seines bisherigen Lebens. Die Eltern von Pierre werden an diesem Morgen verhaftet und in den folgenden sieben Jahren im Gefängnis sitzen. Der Vater von Matthias wird vierzehn Tage später als Bundeskanzler zurücktreten. Zwei Männer sprechen über ihre Wahrnehmung der Väter. Getrennt kehren sie noch einmal zurück an die Orte ihrer Kindheit, lassen Erinnerungen wach werden, an Kindheit, Jugend und Reife, mit den jungen, älter werdenden, sterbenden Vätern. In unzähligen Facetten setzen sie sich mit ihrem besonderen Verhältnis zum Vater auseinander. Auf unterschiedliche Weise offenbart sich bei beiden Vätern eine Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Bild und der privaten Wirklichkeit. Zwei Männer erinnern sich, und obwohl ihre Geschichten nicht wirklich miteinander verbunden sind, entsteht über die Distanz hinweg doch eine Beziehung. Matthias Brandt geht noch einmal durch die leeren Räume der ehemaligen Kanzlervilla am Venusberg und erinnert sich an Momente und Situationen seiner Kindheit, an Drehstuhl-Karussellfahrten im Arbeitszimmer seines Vaters, an das gemütliche Kleiderschrank-Versteck im Zimmer seiner Mutter, an eine gescheiterte Radtour mit seinem Vater und Herbert Wehner, an die kuriose Angelsammlung im Keller der Villa, an einen Rummelbesuch, bei dem das Kanzlerkind solange Lose ziehen musste, bis die Pressefotografen ihn in Siegerpose knipsen konnten.... Währenddessen lässt Pierre Boom die Stationen seiner bewegten Geschichte Revue passieren, den Morgen, an dem die BKA-Beamten seine Eltern festnahmen, die ersten Besuche während ihrer Untersuchungshaft, die ersten DDR-Erlebnisse, die regelmäßigen Westreisen ins Kölner Gefängnis, die ersten Begegnungen mit den Eltern nach dem Austausch, die Propagandaveranstaltungen, bei denen die Eltern von ihrer Arbeit berichteten, die vergeblichen Versuche, sich den Eltern anzunähern, die Ausreise aus der DDR, der Neuanfang im Westen.... Aus unzähligen kleinen Momenten entstehen die Bilder, die sich die Söhne von ihren Vätern machen. Bilder, die bis heute unvollständig bleiben, Bilder, die mit einer Vielzahl von bis heute unbeantworteten Fragen angefüllt sind. Über eine unüberbrückbare Distanz zwischen den beiden Männern, entsteht doch eine spannungsvolle Verbindung. Langsam füllen sich die leeren Räume mit den Geistern der Vergangenheit. „Ich glaube, ich habe meinen Vater als so eine Art Behinderten erlebt so aus dem kindlichen Empfinden heraus, was ja vielleicht gar nicht so falsch war. Also als einen emotional Behinderten, mit dem man vorsichtig umzugehen hatte. Ich hab schon auch Angst gehabt vor dem, aber nicht weil ich dachte, der bestraft mich oder irgend so was, das ist auch nie vorgekommen, der war sehr sorgsam und sanft mit mir. Nee, aber weil ich dachte man kann so viel falsch machen“. Matthias
Brandt
Stab und Förderungen
Gesprächspartner : Matthias Brandt und Pierre Boom/Guillaume„ Ich suche die eine Person, diesen einen Menschen,
der dahinter steckt. Es ist vor allem die Suche nach dem Vater, der nicht
mehr lebt. Ich
versuche, eine Person fassbar zu machen, eine Haltung, eine Sicht auf
die Dinge.“ „Mein Vater wurde nicht so problematisiert. Der
wurde eher so als ein Naturereignis hingenommen, was ja manchmal ein ganz guter
Umgang ist. ProduktionsnotitzenEine der Grundfragen unserer Arbeit lautete: Wie viel Vergangenheit verträgt der Mensch? Es war von vornherein klar, dass wir SCHATTENVÄTER nicht am Stück drehen können, weil es für die beiden Protagonisten eine zu große Belastung gewesen wäre, und darüber hinaus auch ihr normales Leben und ihre Arbeit in den Drehplan integriert werden musste: Matthias spielte in dieser Zeit in einem Kieler „Tatort“ den schizophrenen Mörder und einen behinderten Vater in einem ARD-Fernsehfilm und Pierre musste sein Berliner Grafikdesign-Büro am Laufen halten. Um Matthias Brandt und Pierre Boom die notwendige Zeit zu geben, sich auf den Prozess einzulassen, haben wir uns in Etappen an ihre Lebens-geschichten heran getastet. Wir haben in drei Drehblöcken mit insgesamt 24 Drehtagen von Februar 2004 bis Anfang Juni 2004 gedreht, was sich als guter Rhythmus und richtiges Tempo und vor allem als die richtige Herangehensweise erwies. So hatten wir auch die Möglichkeit, sensibel auf das zu reagieren, was zwischen den beiden Protagonisten des Films passieren würde. Es war nicht abzusehen, ob und inwiefern sich die beiden füreinander interessieren, und ob es eine gemeinsame Geschichte zwischen Matthias Brandt und Pierre Boom/ Guillaume gibt. Hinter der Fülle an Legenden und Anekdoten, hinter all den „abgenutzten“ Archivbildern der öffentlichen Brandt-Guillaume-Geschichte, die nur ein vorgefasstes, in den Köpfen abrufbares Bild manifestieren, wollte ich eine andere, feinere Wirklichkeit aufspüren. Von all diesen Entwicklungen wollte ich abhängig machen, ob es zu einer Begegnung der beiden Protagonisten in SCHATTENVÄTER kommt und, wie die aussehen könnte. Dies blieb bis zum Schluss der Dreharbeiten offen. Wegen der sehr sensiblen Themen war es wichtig, die Interviews unabhängig von zeitlichem und finanziellem Druck durchdrehen zu können, gleichzeitig war uns aber auch die visuelle Qualität der „inszenierten Orte“ und ihre Stimmung sehr wichtig. Darum haben wir uns entschieden, mit zwei verschiedenen Materialien zu arbeiten: Videomaterial (Digi Beta) für die Interviews und Aufnahmen mit den Protagonisten (rund 50 Kassetten von je 30 bis 40 Minuten) und Super16-Filmmaterial für die „inszenierten Orte“ (circa 160 Minuten Material). Zusammen mit der Cutterin Gaby Kull-Neujahr, mit der ich das zweite Mal zusammengearbeitet habe, saß ich im Herbst 2004 vier Monate über dem Material. Die Melodie des Films wird beim Drehen geschrieben, die Struktur des Films entsteht am Schneidetisch durch das Aufspüren der Harmonien – visuelle wie thematische Harmonien. Winzige Details sind genauso wichtig wie das wichtigste übergeordnete Thema. Es ist wie ein Puzzle, nur dass im Schneideraum bei der Fülle des Materials erst mal die Teilchen aussortiert werden müssen, die nicht passen, nicht interessant, nicht verständlich oder nicht so wichtig sind. So haben wir beispielsweise fast die gesamte Schauspieler-Geschichte von Matthias Brandt weggelassen, weil sie vom Thema wegf ührt. Die offene Situation bei Dreharbeiten ist für mich einer der ganz großen Reize am dokumentarischen Arbeiten. Die Drehzeit ist keine „sterile“, künstliche Zeit, denn das Leben spielt immer mit und beeinflusst das Entstehende. Ein denkwürdiger Drehtag war der 5. März 2004. Wir drehten mit Pierre Boom in dem riesigen Stasi-Kino auf dem ehemaligen Gelände des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin/Lichtenberg. Der ganze Gebäudetrakt, in dem auch die ehemalige Stasi-Luxuskantine mit dem Holz getäfelten Separée von Minister Mielke und Geheimdienstchef Markus Wolf untergebracht war, ist heute eine scheinbar unberührte, gespenstische Kulisse der DDR-Vergangenheit. Für feinfühlige Menschen ein unangenehmer Ort. Für Pierre war es sehr hart, gerade hier den von ihm gehassten Stasi-Propagandafilm mit und über seine Eltern anzuschauen. Die Vergangenheit kroch wieder in ihn hinein, gerade die Konfrontation mit seiner im Film zur ideologischen Marionette erstarrten Mutter setzte ihm sehr zu. Und da kam der Anruf einer Berliner Klinik, dass Christel Boom/Guillaume auf der Intensivstation liege. (Sie starb am 20. März.) Pierre war wieder in der Gegenwart und verwandelte sich trotz allem in den liebevoll besorgten Sohn. Und wir standen vor der Frage, sollen wir ihn mit der Kamera ins Krankenhaus begleiten, hat das etwas mit unserem Film zu tun – oder sollen wir Pierre diesen privaten Moment bewahren helfen. Eine der vielen Entscheidungen beim Entstehen eines Dokumentarfilms. Doris Metz „Ich wollte und konnte nicht zulassen, für mich selbst und so waren sie auch nicht diese Eltern, sie nur auf diese öffentlichen oder als Verräter, Verbrecher eingeordneten Eltern, zu reduzieren. Weil: ich kannte sie auch anders und das Verhältnis, wie gesagt zum Vater, auch zur Mutter war ja ein Gutes vorneweg gewesen“. Pierre Boom „ Dadurch, dass es zwangsläufig so war, dass ich ja sehr früh das mitgekriegt habe, dass ich ja auch sehr stark über ihn definiert werde, hat wahrscheinlich auch bei mir dazu geführt, dass ich relativ früh meinerseits ihn auf Distanz bringen musste. Einfach, um da so was dazwischen zu kriegen. Weil das Problematische an diesem Vorgang des über ihn definiert Werdens, war ja, dass ich den eigentlich weder kannte noch besonders nah war. Dass heißt, man kriegt so’n Stempel drauf, dass jetzt in meinem Fall, dass erst mal die hervorstechendste Eigenschaft ist, der Sohn von dem zu sein, man hat mit dem aber gar nichts zu tun. Also in dem Sinne, dass es so eine starke innere Verbindung gäbe. Also, ich wurde über jemanden definiert, den ich selber gar nicht definieren konnte, und das ist natürlich schwierig, also wie verhält man sich dazu. Und insofern glaube ich, dass dieser Wunsch, mich an ihm zu orientieren, tatsächlich gar nicht so ausgepr ägt war.“ Matthias Brandt Interview mit der Regisseurin Doris MetzWoran hat sich dieser Film entzündet? So etwas entwickelt sich immer über einen längeren Zeitraum, bis man merkt, dass eine Idee im Bewusstsein Wurzeln geschlagen hat. Angefangen hat das in diesem Fall bei den Dreharbeiten zu einem Film über den Auslandspionagechef der DDR, Markus Wolf und dessen Familiengeschichte, den ich im Jahr 2000 für die ARD gemacht habe. Damals filmten wir in einem rustikalen Bierkeller auf einem ehemaligen DDR-Spionagegelände und Markus Wolf brachte an diesem Drehtag ein skurriles Fotoalbum mit Fotos hochrangiger Agenten mit, die er in diesem Bierkeller aufgenommen hatte. Auf mehreren dieser Fotos saß Christel Guillaume in trauter Runde, direkt neben Wolf, und am Rande der Dreharbeiten erzählte Markus Wolf, dass er mit dem Guillaume-Sohn Pierre in der DDR so große Probleme hatte, und dass er während der langen Haftzeit der Eltern so eine Art Ersatzvater für ihn gewesen sei: Diese Geschichte eines westdeutschen Gymnasiasten, der in die DDR geschleust wird, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Da sitzen dessen Eltern als Spione in einem Kölner Gefängnis und der Spionagechef der DDR fühlt sich als Ersatzvater. Nach der Geburt meiner Tochter, als sie etwa zwei Jahre alt war, kamen die Erinnerungen an diese Geschichte wieder hoch. Ich schaute mir mein Kind an und dachte, wie ist es eigentlich möglich, dass man seinem Kind 17 Jahre lang eine völlig andere Identität vorspielen kann. Wie sind Sie als Westdeutsche an diese ostdeutschen Themen gekommen? Die DDR, dieses abgesperrte Land hinter der Mauer hat mich schon als Kind fasziniert, obwohl ich keine persönlichen oder familiären Verbindungen hatte. Man musste sich einfach für diesen anderen deutschen Staat interessieren, der einem in meiner Schulzeit, der Zeit des Kalten Krieges, ja auch entsprechend ideologisch aufbereitet serviert wurde. Dazu gehörte in der 10. Klasse auch eine Klassenfahrt nach Berlin inklusive Mauer- und Ostberlin-Besuch. Das werde ich nie vergessen: Das „Flair“ von Ostberlin und die Kommentare meines bayerischen Sozialkundelehrers mit CSU-Parteibuch. Ich bin in Bayern zur Zeit von Franz Josef Strauss aufgewachsen, da war die DDR das kommunistische Feindesland, das Böse schlechthin. Das hat bei mir ein nachhaltiges Interesse an diesem „Unland“ ausgelöst – natürlich auch später, als ich als Journalistin Mauerfall und Wiedervereinigung miterlebte. Außerdem war ich immer schon ein Fan von Spionage-Geschichten. Sie kommen vom Journalismus, inwieweit sehen Sie Ihre Dokumentationen als Journalismus mit anderen Mitteln? Die zehn Jahre bei der Süddeutschen Zeitung waren eine sehr wichtige
Zeit für mich. Im Journalismus geht es um das genaue Wahrnehmen von
Realität, es geht darum, komplexe Zusammenhänge in lesbaren Artikeln
aufzubereiten. Bei der filmischen Arbeit profitiere ich von meinen journalistischen
Fähigkeiten, habe aber mehr formale Mittel (Bild, Ton, Musik) zur Verfügung
und kann inhaltlich einen Schritt weitergehen: Denn je genauer und länger
man auf eine Sache schaut, umso komplizierter werden die Zusammenhänge.
Im aktuellen Journalismus muss man die Kompliziertheit der Welt eher verdichten
und Brüche glätten. Beim Dokumentarfilm kann ich Brüche zeigen
und stehen lassen – und dem Zuschauer bleiben mehr Freiräume,
sich selber ein Bild zusammenzusetzen. Und noch ein großer Unterschied
beim dokumentarischen Arbeiten: Ich habe eine Ausgangsidee, aber wohin der
Film mich inhaltlich führen wird, ist völlig offen. Was wollten Sie mit diesem Film herausfinden und wie hat sich das im Laufe der Dreharbeiten verändert? Mich interessiert der andere Blick auf Zeitgeschichte. Nicht die politische Affäre Brandt/Guillaume, sondern deren Auswirkungen auf Menschen, die den beiden politischen Hauptakteuren nahe standen. Wie haben die beiden Söhne Matthias Brandt und Pierre Boom/Guillaume ihre politischen Väter erlebt und welche Spuren hat das in deren Leben hinterlassen? Das war meine Fragestellung. Diese biografische Spurensuche ist für mich eine andere Annäherung an politische Wirklichkeit und ermöglicht überraschende neue Blickwinkel und Sichtweisen. „Das Private ist politisch und das Politische ist privat“, so hieß es schon in einem Wandspruch der Sponti-Szene aus den 70er Jahren. In SCHATTENVÄTER verliert dieser scheinbare begriffliche Gegensatz zwischen Privatem und Politischem immer mehr an Trennsch ärfe. In Ihrem Film wirken die beiden Söhne wie die einsamsten Menschen der Welt, nicht allein durch das, was sie erzählen, sondern auch durch die Art in der Sie sie inszenieren: Wie haben Sie das Konzept erarbeitet? SCHATTENVÄTER war von vornherein monologisch angelegt. Es gibt zwei
Protagonisten, die – jeder für sich – in ihre Vergangenheit
gehen. Ob es zum Dialog kommt, blieb bei den Dreharbeiten bis zum Schluss
offen. Als filmisch-ästhetisches Konzept war sehr früh die Entscheidung
für sogenannte „Inszenierte Orte“ gefallen. Reale Orte,
die wir zusammen mit Matthias und Pierre entwickelt haben; Orte, die Teil
ihrer Lebensgeschichte sind, die filmisch aber überhöht werden,
um die emotionalen Entwicklungen der beiden Protagonisten zu visualisieren.
Es sind alles Orte der Unbehaustheit und Einsamkeit. So gibt es z.B. in der
Nähe der Plattenbausiedlung im ehemaligen Ostberlin, in dem Pierre als
Schüler gelebt hat, über den Bahngleisen eine Brücke, die
auf seinem Schulweg lag, aber trotzdem auch eine Metapher für sein damaliges
Lebensgefühl ist. Woran liegt es, dass Sie mit Pierre Boom nicht in der Bonner Wohnung seiner Kindheit gedreht haben? Wir durften dort nicht drehen, weil uns hysterische Hausbewohner und Wohnungsbesitzer den Zugang verwehrt haben. Im Jahre 2004 sind die völlig ausgerastet, dass ihr Haus als Wohnort eines ehemaligen DDR-Spions „diffamiert“ werden sollte. Das war unglaublich, die wollten sogar die Polizei rufen – trotz einer Drehgenehmigung der Hausverwaltung. Im Laufe der Dreharbeiten haben wir immer wieder die Erfahrung gemacht, wie emotional und abwehrend die Menschen auf diese deutsch-deutschen Themen reagieren. Wobei es ja gerade in den letzten fünf bis zehn Jahren immer häufiger zu einer Auseinandersetzung mit der Politik des 20. Jahrhunderts kommt, mit all diesen Themen, vom Nationalsozialismus bis zur RAF, die lange tabuisiert waren, aber ganz stark in die deutsche Gegenwart hineinwirken. Es gibt eine Renaissance des Politischen im Film. Über lange Jahre war die Suche nach der deutschen Vergangenheit auf die NS-Zeit konzentriert und reduziert. Durch die Wiedervereinigung ist die Geschichte der DDR Teil unserer gemeinsamen Geschichte geworden und auch die alte, den Westdeutschen vertraute Bonner Republik, ist in dem neuen Gesamtdeutschland aufgegangen. Um die komplizierte deutsch-deutsche Gegenwart mit all ihren Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten zu verstehen, braucht es den Blick zurück auf diese jüngere deutsch-deutsche Vergangenheit. Das ist jedenfalls für mich ein Grund, mich filmisch damit zu beschäftigen. Auch wenn die Geschichte von Matthias Brandt und Pierre Guillaume nicht meine Geschichte ist, gibt es doch viele Berührungspunkte. Auch meine politische Sozialisation ist durch die 70er Jahre und die Brandt-Ära geprägt. Warum sollte ich am Amazonas oder auf den Fidschi-Inseln drehen, wenn vor meiner Haustür Stoffe liegen, die mir viel näher stehen. Sie haben in Ihren Filmen sehr unterschiedliche Themen bearbeitet, bei denen immer der Mensch im Zentrum steht: Was treibt Sie als Dokumentarfilmerin? Ich habe einen politischen Ansatz, auch wenn es vordergründig keine politischen Filme sind. Politischer Film ist nicht nur Film über Politik. Es geht mir um individuelle Geschichten, die aber einen Blick auf das gesellschaftliche Ganze und die Komplexität zwischenmenschlicher Arrangements werfen. In „Ich werde reich und glücklich“ wollte ich ein gesellschaftliches Phänomen der Gegenwart untersuchen, eben die Suche nach Reichtum und Glück, in einer Zeit, als noch an die Glücksverheißungen der New Economy geglaubt wurde. Bei SCHATTENVÄTER geht es auch um die Dekonstruktion von Klischees. Willy Brandt war das politische Idol, Günter Guillaume der Verräter und Bösewicht. Doch für ihre Söhne sind das nur Facetten der Wirklichkeit. Ihr individueller Blick macht die Wirklichkeit vielschichtiger. Waren Sie über die Ähnlichkeit der Wahrnehmung beider Söhne von ihren V ätern überrascht? Es gibt überraschende Parallelen in der Beziehung der beiden Söhne zu ihren Vätern. Beide Väter entziehen sich ihren Kindern, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Der eine verbirgt sich hinter einer falschen Identität; der andere kapselt sich emotional gegenüber seiner Familie ab. Beide bleiben für ihre Kinder unnahbare Fremde. Diese Gemeinsamkeit war für mich überraschend. Sie wurde erst ganz allmählich im Laufe der Dreharbeiten sichtbar. Denn anfangs wusste ich sehr wenig über Matthias Brandt. Bei Pierre war es einfacher, er hat ein ganzes Buch über sich und seinen Vater geschrieben, das ich früh in Auszügen zu lesen bekam. Zwei der wenigen persönlichen Dinge, die ich über Matthias erfahren hatte, war, dass er seine Herkunft am liebsten verschwiegen hat, und seinen berühmten Vater bei Bewerbungen beispielsweise einfach weggelassen hat. Aus einem Zeitungsartikel erfuhr ich, dass er immer behauptet habe, dieses Kind auf der Brandt-Zwieback Packung zu sein, und da er auch so blond und pausbäckig war, hätten ihm das die Leute auch geglaubt. Das habe ihm einen Heidenspaß gemacht. Solche kleinen Details haben mich neugierig gemacht. Erstaunlich ist ja auch, dass ausgerechnet der harte, unnachgiebige Herbert Wehner in der Wahrnehmung von Matthias Brandt im Gegensatz zu den ganzen anderen alten Männern der Politik, den „Hinterkopftätschlern“ so warmherzig erscheint. Wehner galt ja immer als der starke innerparteiliche Gegenspieler von Brandt, es wird sogar behauptet, dass er dessen Rücktritt durch sein Verhalten mit herbeigeführt habe. Wehner war der harte, unnachgiebige Zuchtmeister der SPD, und bis heute werden politische Widersprüche und Widerwärtigkeiten aus den erst jüngst zugänglichen russischen KGB-Archiven gesammelt, um ihn als politischen Verräter und Denunzianten zu diffamieren. Wehner, die Antipode zu Brandt, die Schattengestalt. Insofern ist diese kleine Anekdote aus der Perspektive eines Kindes so aufschlussreich. Kinder sind noch offen, sie haben noch keine fixen Freund-Feind-Bilder. Sie sind unbestechliche Beobachter. Und manchmal eben näher dran, als die vielen sogenannten Zeitzeugen. Widersprüchlichkeiten haben zur Persönlichkeit von Willy Brandt dazugehört wie zu der Wehners. Nach außen war Brandt der kraftvolle, souveräne, charismatische Staatsmann, aber es gibt eben auch den Menschen mit den ungeheuren Selbstzweifeln, der wochenlang mit Depressionen zu kämpfen hatte und selbst für nahestehende Mitmenschen nicht mehr erreichbar war. Gerade dieses Verletzliche und Widersprüchliche ist es wiederum, was die Menschen magisch anzog und ihm die Herzen zufliegen ließ, glaube ich wenigstens. Doch, wenn man das zeigt, eckt man sehr schnell an; das hat auch Matthias Brandt erfahren. Genau darum geht es mir: Ich möchte solche Klischees aufbrechen, nicht um ein Idol wie Willy Brandt vom Sockel zu stoßen, sondern um ein Bild vollständiger zu machen und die menschliche Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit zu zeigen, mit der wir alle permanent zu kämpfen haben. Nach den unbefriedigenden Erfahrungen bei der Pressearbeit von „Im Schatten der Macht“, war Matthias Brandt auch Ihnen gegenüber zunächst sehr vorsichtig. Er war einfach sehr misstrauisch und wollte endlich aus der Sohn-von-Willy-Brandt-Rolle raus. Bei „Im Schatten der Macht“ spielte der Schauspieler Matthias Brandt den Günter Guillaume. Es war ja ein Fernsehspiel, keine dokumentarische Arbeit, aber die Presse beschäftigte sich mit der Frage, ob das eine Art später Vatermord sei, diese Rolle zu spielen, und ob der Kollege Michael Mendl in der Rolle des Willy Brandt seinem Vater ähnlich war und es ihn nicht irritiert hätte, seinem Vater am Set zu begegnen. Die gesamte Presse (er hatte, soweit ich mich erinnere, über hundert Presseauftritte) stürzte sich auf ihn als Sohn von Willy Brandt, nicht auf ihn als Schauspieler. Und da kam ich mit meinem Anliegen. Das war nicht leicht. Sind Sie bei Ihren Recherchen auf Widerst ände gestoßen? Weder bei der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe noch bei der Berliner Gauck-Behörde, die für die Stasi-Unterlagen zuständig ist, rennt man mit Anfragen offene Türen ein. Ich habe ein Jahr lang versucht, eine vollständige Fassung des Stasi-Schulungsfilms „Auftrag erfüllt“ zu finden. Durch meine Gespräche mit Pierre Boom und seiner Mutter Christel Guillaume, die damals noch lebte, wusste ich, dass dieser Film nicht acht Minuten, sondern fast 90 Minuten lang war. Doch davon schien man in der Birthler-Behörde zunächst nichts zu wissen. Dort arbeiten ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit und Beamte aus dem westdeutschen Bundesinnenministerium, und bislang sind nur Bruchteile der Bestände wirklich archiviert. Sehr viel Material ist in der Tat in den letzten Tagen der DDR vor dem Sturm auf die Stasizentrale geschreddert worden. Man braucht viel Zeit und Hartnäckigkeit. Von „Auftrag erfüllt“, der ja zu DDR-Zeiten mit beachtlicher Kopienzahl in großen Stasi-Kinos vorgeführt worden war, ließ sich keine Filmkopie mehr auftreiben. Immerhin hatte ich am Ende den kompletten Film wenigstens als VHS in Händen. Das hat vermutlich nur dank der Mit- und Zuarbeit von Pierre Boom geklappt, und dank guter Geister, die es in jeder Behörde gibt. Wenn man sich mit DDR-Geschichte und noch dazu mit Stasi-Themen beschäftigt, stößt man überall auf Widerstände. Gerade wenn man aus dem Westen kommt, schlägt einem immer Misstrauen entgegen, das kannte ich schon von dem Wolf-Film. Das wird immer als Anmaßung und als Einmischung in Dinge verstanden, von denen man doch besser die Finger lassen sollte. Die Art, in der Sie in diesem Film Räume inszenieren, bewegt sich vom Dokumentarischen durchaus in Richtung Spielfilm. Das dokumentarische Beobachten wird oft auf dieses penible, fast buch-halterische Aneinanderreihen von Fakten reduziert, ohne kreative Gestaltung. Auch das kann bei bestimmten Themen stimmig sein. Doch in der Regel muss auch die Wirklichkeit, das scheinbar Authentische, im Film formal gestaltet werden. In SCHATTENVÄTER inszenieren wir Orte/Räume, um inhaltlich Relevantes wie beispielsweise Emotionen der Protagonisten herauszuarbeiten. Wir haben ja für einen Dokumentarfilm sehr aufwendig gedreht, mit Dollyfahrten und Kraneinsatz – alles Mittel des Spielfilms. Das war eine bewusste Entscheidung, da wir einen Film fürs Kino machen wollten und keine archivlastige TV-Doku. Ich habe keine Hemmungen, im dokumentarischen Arbeiten auf die Mittel des Spielfilms zurückzugreifen, wenn es filmisch verdichtet der Wahrheit dient, und zusammen mit der dokumentarischen Ebene ein stimmiges Gesamtkonzept ergibt. In diesem Zusammenhang steht vermutlich auch die Wahl der Kamerafrau Sophie Maintigneux, die auch bereits mit Eric Rohmer, Jean Luc Godard oder Michael Klier gearbeitet hat? Sophie macht mit Leidenschaft Spielfilm und Dokumentarfilm. Mit ihr habe ich bereits in „Ich werde reich und glücklich“ zusammengearbeitet, und wenn man mal aufeinander eingespielt ist und das Vertrauen da ist, kann man im nächsten Film einen Schritt weiter gehen. Ich schätze sie als Kamerafrau und als Mensch. Sophie war beinahe von der ersten Idee an in das Projekt eingebunden. Wir entwickelten das filmisch-bildgestalterische Konzept gemeinsam und können glücklicherweise beinahe nonverbal kommunizieren. Besonders bei diesen langen Interviewstrecken, wie wir sie in diesem Film hatten, ist das sehr hilfreich. Man muss die Protagonisten reden lassen können und trotzdem im entscheidenden Moment, wenn etwas ganz Intimes geschieht, die richtige Kadrage haben. Warum haben Sie sich selbst als Interviewerin aus dem Bild herausgenommen? Da das Fernsehen in immer stärkerem Maße zum Dauer-Talk wird, bin ich ohnehin sehr vorsichtig geworden mit dem Einsatz der Interviewsituation im Bild. Die Präsenz des Filmemachers im Bild ist eine subjektive und formale Entscheidung. SCHATTENVÄTER ist eine sehr intime Geschichte, in der ich den beiden Protagonisten unglaublich nahe komme. Das hätte für mich nicht gestimmt, wenn ich auch im Bild gewesen wäre. Meine Anwesenheit im Bild würde den Fluss des Films blockieren. Ist es denn Zufall, dass mit Markus Stockhausen, der die Musik komponiert hat, noch ein weiterer Sohn eines berühmten Vaters involviert ist? Ja, ein
Zufall, in erster Linie ging es mir um die Musik. Andererseits glaube
ich nicht an Zufälle. Während der Dreharbeiten von SCHATTENVÄTER
habe ich bei einer Bekannten eine neue Stockhausen-CD gehört, die mich
nicht mehr losgelassen hatte, ich wusste sofort, das ist mein Mann! Ich habe
ihn gewählt, weil ich der Musik im Film eine eigene Stimme geben wollte,
sie sollte nicht als Filmmusik im Hintergrund bleiben, sondern eine eigenständige
Kraft sein. Markus Stockhausen ist ein Musiker, der über ein sehr großes
Repertoire aus Klassik, Neuer Musik und Jazz verfügt, er kann improvisieren
und ist als Filmkomponist noch nicht allzu routiniert. Wir wollten für
SCHATTENVÄTER eine Musik, die sollte sich reiben, als eigenständige
Stimme mit dem Film und seinen Bildern leben und manchmal auch mit ihm kämpfen. Interview mit Matthias BrandtSie haben gezögert, an dem Film mitzuarbeiten: Was war Ihre größte Bef ürchtung, und was hat Sie letztlich doch bewogen mitzumachen? Ich hatte doch große Bedenken, ob es für mich Sinn machen würde, mich in dieser Form noch mal mit dem Thema auseinander zu setzen. Doris Metz hat dann viel Zeit und Energie investiert, mich zu überreden. Das hat mich beeindruckt und dann lief auch schon die Kamera. Der Grund, weshalb ich mich entschlossen habe, mich für SCHATTENVÄTER von ihr befragen zu lassen, liegt ganz einfach in ihrer Person, ihren bisherigen Arbeiten begründet. Das sprach für sie. Klar war für mich aber auch: wenn ich das mache, dann war’s das, dann ist das meine letzte öffentliche Äußerung zu diesem Thema. Welche Ihrer Arbeiten waren das konkret? Vor allem “Ich werde reich und glücklich”. Doris Metz hat hier ja auch schon mit der Kamerafrau Sophie Maintigneux zusammengearbeitet und das fand ich inhaltlich und eben auch vom Bild her sehr interessant. Da war mir schon klar, dass ich es mit Leuten zu tun habe, die genau hingucken. Als Doris Metz mit dem Vorschlag, diesen Film zu machen an Sie herangetreten ist, waren Sie beide bereits im Prozess der Verarbeitung. Sie, indem sie in „Im Schatten der Macht“ Günter Guillaume spielten, er indem er das Buch „Der fremde Vater“ schrieb. Inwieweit hat die Arbeit am Film diesen Prozess weitergef ührt oder auch abgeschlossen? Ich glaube nicht, in den Kriterien meines Berufs gedacht, um die es bei SCHATTENVÄTER nicht geht, dass der Zweck einer künstlerischen Arbeit die direkte Verarbeitung persönlicher Erlebnisse sein sollte. Das ist dann nicht an den Betrachter gerichtet, sondern selbstbezogen. SCHATTENVÄTER ist aber eine Menschenbetrachtung von Außen. Meine Arbeit in “Im Schatten der Macht” von Oliver Storz ist etwas vollkommen Anderes, das habe ich nicht unter dem Aspekt der Verarbeitung gesehen. Ich fand es eher spannend, mich mit den Mitteln meines Berufs mit einem mir, naturgemäß, sehr nahen Thema zu beschäftigen. Eigentlich eine herrliche Konstellation für einen Schauspieler. Ich in dieser Rolle in “Im Schatten der Macht”, das hatte für mich, bei aller Ernsthaftigkeit, mit der ich das gemacht habe, auch immer etwas Skurriles, das meinen Humor ganz gut traf. Sie haben SCHATTENVÄTER inzwischen gesehen: Gab es für Sie persönlich in der Wahrnehmung des anderen Sohnes überraschende Erkenntnisse? Ich empfinde Pierre Boom gegenüber großen Respekt. Seine Geschichte ist die Schwierigere. Mir ging’s doch eigentlich immer ganz gut. Ist es Ihnen mal durch den Kopf gegangen, wie es gewesen wäre, der Sohn von G ünter Guillaume zu sein? Diese Frage habe ich mir, ehrlich gesagt, nie gestellt. Obwohl ich zwangsläufig viel Zeit damit verbringe, mir vorzustellen, ich sei jemand Anderes. Konnten Sie sich persönlich durch die Arbeit an dem Film mehr Klarheit verschaffen? Nein, das war ja auch nicht Sinn der Übung. Das muss man schon alleine leisten, ohne Zuhilfenahme eines Filmteams. Wenn sie so wollen, habe ich mich Doris Metz mit dem, was ich zu diesem Thema zu erzählen hatte, zur Verfügung gestellt. Sie zeigt ihren Blick auf Pierres und meine Lebensgeschichte. So sieht sie mich nach unserer Begegnung. Ich würde mich natürlich anders erzählen, klar, mit anderen, mir gemäßeren Mitteln. Mache ich ja auch. Damit räumen Sie eine gewisse Verbindung zwischen Rollen und Realität aber doch ein? Na klar, ich habe ja nur meine eigene Erfahrung und Wahrnehmung, von der ich ausgehen kann, wenn ich versuche, mich einer Rolle zu nähern, für die ich dann Anknüpfungspunkte und Übersetzungen suchen muss. Gut beobachten muss man natürlich auch und versuchen handwerklich präzise zu sein. Dann wird’s auch manchmal was. Es gibt sehr überraschende Ähnlichkeiten in den Erfahrungen von Ihnen und Pierre Guillaume. Wie haben Sie das empfunden? Sie meinen, in den Erfahrungen, die wir mit unseren Vätern gemacht haben? Das habe ich eigentlich nicht so empfunden, da kenne ich viele, mit denen ich mehr Gemeinsamkeiten habe, weil eben die Erfahrungen aufgrund der Lebensumstände sehr viel ähnlicher waren als bei Pierre und mir. Da sind lediglich die Familiennamen nicht so spektakulär. Würden Sie sagen, dass diese vertrackte, gemeinsame Geschichte Sie beide eher verbindet oder trennt? Eine gemeinsame Geschichte gibt es ja eigentlich nicht. Unser beider Leben wäre genau so verlaufen, wenn wir uns persönlich nie begegnet wären. Es gibt die Geschichte unserer Väter und die Auswirkungen, die das auf jeden von uns hatte. Und das erzählt der Film, unter anderem. Ich hatte und habe nicht das Gefühl, dass das Pierre und mich in schicksalhafter Weise verknüpft. Und er, soweit ich weiß, auch nicht. Mir wäre das auch viel zu elegisch, wenn das so gesehen würde. Uns geht’s doch gut. Ich meine, es gibt Leute, denen geht ’s wirklich schlecht! Zur Zeit gibt es eine ganze Reihe von Filmen, die sich mit verschiedenen Facetten der deutschen Geschichte von Nationalsozialismus bis zur RAF auseinandersetzen. Wie sehen sie in diesem Zusammenhang Ihren Film SCHATTENVÄTER? Ich denke, man muss ganz klar unterscheiden zwischen einem Dokumentarfilm wie SCHATTENVÄTER und dramatischen Umsetzungen historischer Ereignisse, wie sie zur Zeit en vogue sind. Das sind zwei völlig verschiedene Herangehensweisen. Reportage oder Roman. Im Fall von SCHATTENVÄTER gehörte ich ja nicht zu den Kreativen, sondern war das zu untersuchende Objekt. Als Filmemacher würde ich persönlich immer die dramatisch verdichtete Form vorziehen, weil es eben, wie mein Freund Oliver Storz sagt, ein Irrtum ist, zu behaupten, das Leben schreibe die besten Geschichten. Das Leben schreibt nämlich gar nicht. Das Leben ist einfach. Es gibt aber viele, die gerade das spannend finden. Das Erstaunliche an SCHATTENVÄTER ist ja auch, in welchem Maße das Private ein sehr starkes Gefühl von der Befindlichkeit Deutschlands heute vermittelt. Wie sehen Sie das? Ich fürchte, dass ich von der Befindlichkeit Deutschlands gar nichts weiß, weil ich reichlich damit zu tun habe, meine eigene Befindlichkeit zu orten und in den Griff zu bekommen. Ich kenne nicht alle Deutschen, deshalb weiß ich nichts von der Befindlichkeit Deutschlands. Ich fürchte, ich denke für diese Frage viel zu individualistisch. Diese Geschichte vermittelt eine sehr banale und traurige Kehrseite zu all den romantischen Agentengeschichten, die im Kino sonst so erz ählt werden. Womit wir wieder beim Punkt wären, dass die Fiktion für meine Begriffe unterhaltsamer ist als die Realität. Auf jeden Fall finde ich James Bond und, mit Verlaub, die Girls, auf jeden Fall interessanter als Günter Guillaume im Opel Kadett. Im „Jetzt“ Magazin der Süddeutschen Zeitung gab es die Kolumne „Von den Alten lernen“: Gibt es etwas Wesentliches, Einschneidendes, Beeindruckendes, das sie vom Kanzler Willi Brandt gelernt haben? Ich habe von meinem Vater vieles gelernt. Und das, was der Film SCHATTENVÄTER zeigt, ist natürlich nur ein Ausschnitt der Geschichte von Willy und Matthias Brandt, wie könnte es anders sein? Bei allen Schwierigkeiten, die wir miteinander hatten: er war der begabteste Mensch, dem ich je begegnet bin. Und er hat dies rigoros genutzt, zu Recht, bei allem Kummer, den er den Seinen dadurch bereitet haben mag. Insgesamt gesehen war der Nutzen doch viel gr ößer als der Schaden, oder? Der Film vermittelt ein Gefühl ungeheurer Einsamkeit der beiden Söhne, entspricht das Ihrer eigenen Wahrnehmung? Mag sein, dass der Film dieses Gefühl vermittelt. Meine Realität ist aber eine andere. Der Film ist ja dann doch weitestgehend eine Zeitreise in die Vergangenheit und die war dann eben auch manchmal sehr einsam. Mein jetziges Leben ist das aber gar nicht, angefangen damit, dass es jetzt für mich die viel größere Herausforderung darstellt, selber Vater zu sein. Da hat der Sohn eigentlich gar nicht mehr so viel Raum, es gibt viel Wichtigeres. Was Ihnen dieses Gefühl vermittelt, ist wohl ein Eindruck der Melancholie und Verlorenheit, die ich ausstrahle. Darum weiß ich, das ist einfach da und tatsächlich mir ganz alleine zuzuschreiben. Leid tue ich mir deshalb nicht. Kinder übermächtiger öffentlicher Eltern, egal ob sie aus Film, Kunst oder Politik kommen, haben es nie leicht, man denkt an die Kinder von Marlene Dietrich, Pablo Picasso oder auch von Franz Joseph Strauss... Wie sehen Sie das? Ich sehe das vor allem so, dass es sich bei den von Ihnen genannten Personen um Individuen handelt, die zwar über die Gemeinsamkeit verfügen, aus sehr unterschiedlichen Gründen, berühmte Eltern zu haben, mehr aber auch nicht. Ansonsten sind die so verschieden wie man nur sein kann. Als übermächtig habe ich meine Eltern, das wird im Film ja auch deutlich, nie empfunden. Eher im Gegenteil. Gewaltsam ist eher die Definition, die man durch die öffentliche Meinung erfährt, beziehungsweise durch die, die meinen, sie zu machen. Und dagegen muss man sich eben zu behaupten versuchen, zum Beispiel durch ernsthafte Arbeit. Aber ich bin doch nicht verrückt, meinen Vater in Bezug auf öffentliche Wahrnehmung toppen zu wollen. Er war, in den Kriterien meines Berufs gedacht, einer der größten Stars des letzten Jahrhunderts. Am Ende des Films, wenn Sie beide sich auf der Brücke begegnen, hat man das Gefühl, da könnte ein Gespräch anfangen: Kam es dazu? Miteinander gesprochen haben wir schon vorher. Warum denn auch nicht, wo sollte das Problem liegen? Ich verstehe ihre Frage aber dahingehend, ob es eine Aussprache über den Verrat Guillaumes an meinem Vater gegeben hätte. Die war natürlich gar nicht angesagt. Wenn, dann hätten sich ja unsere Väter aussprechen müssen, wenn denn beide das Bedürfnis danach verspürt hätten. War aber, soweit ich weiß, von Seiten meines Vaters aus nicht so. Weder Pierre Boom noch ich sind Stellvertreter unserer Väter. Wir wollen und können das nicht sein. Deshalb sind wir auch ungeeignet, deren Geschichte zu bearbeiten, geschweige denn zu verarbeiten. Das ist f ür mich eigentlich die essentielle Aussage des Films. Dabei dachte ich weniger an ein Gespräch über die Väter, als an einen Austausch über Ihre gemeinsame außergewöhnliche Geschichte. Wie gesagt, Pierre und ich haben ja in dem Sinne gar keine gemeinsame Geschichte, finde ich. Es gibt die Geschichte unserer Väter. Ich bin bei den Dreharbeiten mit Pierre Boom einem sehr interessanten und sympathischen Mann begegnet, der mir aber natürlich komplett fremd war. Es gibt nicht so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft, sondern zwei zu gleichen Zeit sehr verschieden gelebte Leben. Und so zeigt es der Film ja auch. Als ich den Film sah, wurde mir allerdings klar, was für dramatische Auswirkungen die Guillaume-Enttarnung auf Pierres Leben hatte. Das war bei mir ja nicht so. Bei uns änderte sich in Bezug auf Lebensumstände, Familienleben usw. nichts, insofern habe ich das auch nicht als eine dramatische Zeit in Erinnerung. Würden Sie einräumen, dass der Beruf des Schauspielers, den Sie gewählt haben auch eine Möglichkeit bzw. eine Technik ist, um Distanz zu schaffen? Sie meinen, um Distanz zu meinem Vater, zu meiner Herkunft zu schaffen? Da wäre ich wohl besser Bienenforscher geworden, oder? Ein Schauspieler, so wie ich den Beruf verstehe, sucht nach Wahrhaftigkeit und tiefer Emotion. Ob das immer gelingt, ist eine andere Frage. Aber Distanz zu all dem, worüber wir hier reden, zu schaffen, das wäre woanders leichter zu haben gewesen.
Interview mit Pierre BoomMit welchem Gefühl sind Sie an diesen Film herangegangen? Mit einem guten, offenen, und sehr neugierigen Gefühl. Das lief für mich ja parallel zum Ende der Arbeit an dem Buch Der fremde Vater, ich war also mitten drin im eigenen Thema. Gleichzeitig war es noch mal eine ganz neue Erfahrung, mich mit der Regisseurin Doris Metz jemandem anderen zu stellen. Außerdem war es interessant, wieder an all die Orte zurückzukehren, mit denen sich ja auch Erinnerungen verbinden. Das war eine Reise in die Vergangenheit, und zugleich eine Art Selbsterfahrung Inwieweit hat die Arbeit am Film diesen Prozess weitergeführt oder auch abgeschlossen? Das war eine Fortsetzung dieses Prozesses mit anderen Mitteln. Als Fotograf interessiert mich das Medium Film ohnehin in besonderer Weise. Im Gegensatz zum Schreiben spielen hier Bilder und Stimmungen eine große Rolle. Ich habe mich sehr gut mit der Kamerafrau und der Regisseurin verstanden, insofern war das ein fast selbstverständlicher weiterer Schritt in der Arbeit mit der eigenen Vergangenheit. Sie haben den Film inzwischen gesehen: Gab es für Sie persönlich in der Wahrnehmung des anderen überraschende Erkenntnisse? Bei den Drehabreiten waren wir ja immer strikt getrennt, ich habe also erst beim Sehen des Films mehr über den erwachsenen Matthias Brandt erfahren, den ich sonst ja nur von seiner Arbeit als Schauspieler und diversen Talkshow-Auftritten kannte. Vorher kannte ich ja nur den zwölfjährigen Jungen aus dem Norwegen Urlaub im Sommer 1973, und damals sind wir Angeln gegangen, haben Fußball gespielt, Ausflüge gemacht, aber keine großen Gespräche geführt, was sicher auch mit dem Altersunterschied zu tun hatte. Die Distanziertheit zu seinem Vater, die im Film deutlich wird, hat mich schon sehr überrascht, in der ersten halben Stunde sagt er so gut wie gar nicht „Vater“ und spricht immer nur von „der“ oder „dem“. Da spürt man einen starken Grad der Entfremdung, das wird erst im weiteren Verlauf des Films emotionaler, da nähert er sich dem Vater ja auch an, bis zu diesem ganz starken Moment, in dem er über das letzte Zusammentreffen am Sterbebett spricht. Wie haben Sie es empfunden, dass er in „Im Schatten der Macht“, dem zweiteiligen Fernsehfilm über die Agentenaffäre, ausgerechnet Ihren Vater gespielt hat? Ich fand das verrückt und es hat mich ehrlich gesagt auch ein bisschen befremdet, als ich es erfahren habe. Später habe ich es allerdings besser verstanden. Für ihn war die Rolle ja offensichtlich auch eine Form der Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte, und ich kann gut verstehen, dass ihn diese große Herausforderung gereizt hat. Erstaunlicherweise wirkt Ihr Vater in seiner (Matthias Brandts) Darstellung wärmer als ich ihn jemals in Wirklichkeit wahrgenommen habe. Das geht mir genauso, ich kenne da einen anderen Vater, einen anderen Günter Guillaume. Aber das ist ja auch keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm und damit die Interpretation des Schauspielers und des Regisseurs. In welchem Maße hat sich ihre persönliche Wahrnehmung der Agentenaffäre und ihrer Folgen durch den Fall der Mauer noch einmal verändert? Dadurch hat sich die Geschichte noch einmal weiterentwickelt. Wir sind ja eineinhalb Jahre vor dem Fall der Mauer ausgereist, und hatten dann auch Einreiseverbot, erst nach der Wende konnte ich meine Mutter wieder sehen. Politisch und privat hat sich durch den Zusammenbruch der DDR für meine Eltern noch einmal alles verändert, und damit hat sich für mich schon die Hoffnung verbunden, dass wir uns durch den Wegfall des Systems freier und unbefangener aussprechen können. Leider haben mein Vater und ich trotzdem nicht mehr richtig zusammengefunden. Sie waren ja immerhin schon 17, als das passiert ist. Haben Sie mit ihren Eltern jemals thematisiert, ob oder wann da jemals der Punkt gekommen wäre, an dem sie Sie eingeweiht hätten? Ich habe meine Mutter gefragt, und sie hat klar gesagt, dass das wohl nie passiert wäre. Im Zusammenhang mit der Arbeit an meinem Buch sind wir verschiedene Szenarien durchgegangen. Es hätte ja auch die Möglichkeit gegeben, dass meine Eltern nicht enttarnt worden wären, dann wären sie im Westen geblieben und meine Mutter hatte den Traum, dass sie als Rentner in Südfrankreich leben. Dann hätte ich nach dem Zusammenbruch der DDR erst bei der Offenlegung der Akten die Wahrheit über meine Eltern erfahren. Für beide war es selbstverständlich, dass sie über Geheimdienstarbeit nicht sprechen, auch nach dem Zusammenbruch der DDR war meine Mutter da sehr unzugänglich. Auch ohne den äußeren Zwang, selbst als das Ministerium schon aufgelöst war, hat sie die Verhaltensmuster noch erfüllt. In vieler Hinsicht erinnert diese Form der Verweigerung ja auch an die Nazi-V äter. Stimmt, da gibt es sicher Parallelen im Verhalten, auch wenn die Beweggründe andere sind. Zurzeit gibt es eine ganze Reihe von Filmen, die sich mit verschiedenen Facetten der deutschen Geschichte vom Nationalsozialismus bis zur RAF auseinandersetzen. Wie sehen sie in diesem Zusammenhang den Film SCHATTENVÄTER? SCHATTENVÄTER passt sehr gut in diese Zeit, in der allerorten darüber nachgedacht wird, wie sich die Dinge entwickelt haben. Dazu gehören nicht nur Filme, sondern auch eine ganze Reihe von Büchern, unter anderem von Peter Merseburger, Hermann Schreiber, Wibke Bruhns. Oft ist das eine Rückbesinnung derer, die dabei waren, aber es gibt auch viele jüngere Leute, die sich damit auseinandersetzen, obwohl sie es nur als Kinder oder gar nicht miterlebt haben. Diese verdrängte unbewältigte deutsche Geschichte hat ja häufig auch mit den Vätern zu tun. Im Zusammenhang mit meinem Buch habe ich diese Zurückhaltung, die Berührungsängste mit der eigenen Geschichte auch sehr stark gespürt. Gleichzeitig ist aber auch das Interesse groß. Inwieweit waren Sie an der Locationsuche beteiligt? Wir haben zusammen mit der Kamerafrau und der Regisseurin eine richtige Locationsuche unternommen. Neben den eigentlichen Schauplätzen haben wir auch andere Orte gefunden, die die Stimmung wiedergeben, wie beispielsweise diese wunderbaren Eisenbahnlinien im Nebel, in der Nähe meiner Ostberliner Wohnung. Oft hat es mich aber auch sehr große Überwindung gekostet, an diese Orte zurückzukehren, die ja ein Leben haben und eine Ausstrahlung, die für mich mitunter schon sehr schwer zu ertragen war. In der BRD war Ihr Vater ein Verräter, in der DDR ein Held. Ist es Ihnen jemals gelungen, zwischen diesen beiden unvereinbaren Bildern zu vermitteln? Bis heute bin ich damit beschäftigt, meinen Vater zu suchen, darum heißt das Buch ja auch Der fremde Vater. Auch losgelöst von diesen beiden sehr konträren gesellschaftlichen Positionen ist es mir nie gelungen, einen privaten Vater aufzuspüren. Wenn ich mich zwischen diesen beiden extremen Begriffen entscheiden müsste, würde ich wohl eher zum Verräter als zum Held tendieren. Meine eigenen Erfahrungen führten dazu, dass ich die DDR nach dreizehn Jahren verlassen habe, weil es weder mein System noch mein Land war. Trotz des Schocks gab es für Sie ja noch eine Weile eine Utopie der DDR. Das war eher eine Utopie des Sozialismus und der Linken, die aus der Prägung durch die Jungsozialisten und Willy Brandt entstand. Ich empfand mich ja damals als wesentlich linker als mein Vater. Ich habe den Sozialismus aus einer jugendlich naiven Perspektive gesehen, und wusste ja auch nichts über die realen Zustände der DDR. Nach der Enttarnung glaubte ich zunächst, mein Vater hätte mich plötzlich links überholt. Nach seinem Austausch ist er dann als harter Stalinist aufgetreten, während in mir die westlichen Umgangsformen und die bürgerlich freiheitliche Erziehung nachhallte, die ich in Bonn erfahren hatte. Wann kam für Sie nach dem Schock, dass ihr Vater ein Spion ist, die Erkenntnis, dass dieses ganze Land voller Spitzel und Spione ist? Das ist eine sehr wichtige Frage, das hat für mich schon angefangen, während ich noch in der DDR gelebt habe, auch wenn ich das ganze Ausmaß der Staatssicherheit damals noch nicht ermessen konnte. Im Grunde bin ich davon ausgegangen, dass mein Vater das genauso kritisch sieht wie ich, obwohl er diesem Apparat selbst angehörte. Ich habe ihm immer zugute gehalten, dass er ja schon 1956 das Land verlassen hatte und darum die Entwicklung des Überwachungsapparates nicht erlebt hat. Doch er hat das nach seinem Austausch 1981 vehement unterstützt und gutgeheißen, was zu weiteren Br üchen und Enttäuschungen führte. Mit welchen Gefühlen nehmen Sie Agentenfilme wahr, die diese Art der „Kundschaftertätigkeit“ ja sehr romantisieren? Gar nicht, gibt ja sehr wenig gute, vielleicht
ein paar Tom Clancy-Verfilmungen. Ich schaue die mittlerweile gar
nicht mehr an, weil sie alle unrealistisch
sind. Wie so oft ist auch hier das Leben eben anders als der Film.
Das Agentenleben meiner Eltern war da ja doch in weiten Teilen sehr
langweilig und öde. Diese Gefühle gab es bei mir sicher häufiger, doch inzwischen hat sich das zum Glück verändert, was natürlich auch damit zu tun hat, dass ich den Film gemacht und das Buch geschrieben und mich darin geöffnet habe. Mit meiner Geschichte in dieser Form an die Öffentlichkeit zu gehen, war sicher ein Schritt, um dieser Einsamkeit zu entgehen, sie aufzubrechen. Die Themen haben naturgemäß etwas Einsames. Wenn man am eigenen Leib erfährt, wie wenig Geschichte Geschichte ist, wenn sie ins Private reinreicht, da geht es ja auch um sehr viele traurige emotionale Momente. Aber in unserem weiteren eigenen Leben, denke ich, sind weder Matthias noch ich einsame Menschen. Am Ende des Films, wenn Sie beide sich am Rheinufer begegnen, hat man das Gefühl, da könnte ein Gespräch anfangen: Kam es dazu? Nein, Matthias Brandt ist ein sehr schüchterner, zurückhaltender Mann, wir hatten aber auch nur zwei, drei gemeinsame Drehtage. Wir sind in unserer Entwicklung sehr eigene Wege gegangen, vielleicht ergibt sich das noch bei der Premiere oder der Pressearbeit. Für mich kann ich nur sagen, dass ich das alles als einen Prozess der Auseinandersetzung sehe, der noch nicht abgeschlossen ist. Ich bin sehr gespannt, wie die Zuschauer reagieren, und freue mich darauf, mit ihnen zu reden. Ich kann mir auch Vorführungen im Rahmen von politischen Stiftungen oder mit Schülern vorstellen, ich pers önlich mache das sehr gerne. Im „Jetzt“ Magazin der Süddeutschen Zeitung gab es die Kolumne „Von den Alten lernen“: Gibt es etwas Wesentliches, Einschneidendes, Beeindruckendes, das sie vom Agenten Günter Guillaume gelernt haben? Gibt es Aspekte, in denen Ihr schwieriger Vater doch zum Vorbild taugt? Diese Frage ist mir schon oft gestellt worden und ich finde es sehr schwer, sie zu beantworten. Abgesehen von einem gewissen Organisationstalent, das ich sicher von ihm geerbt habe, kann ich das im Grunde nur negativ beantworten: Ich versuche Dinge anders zu machen als er, versuche offener und ehrlicher im Umgang mit mir selbst und auch mit Angehörigen zu sein, insbesondere mit den Kindern, und versuche mich nicht von Äußerlichkeiten, von Systemen, von Ideologien soweit beeinflussen und verbiegen zu lassen, dass es zu so einer Gespaltenheit führt, wie es bei meinen Eltern der Fall war. Ich versuche, aus dem negativen Vorbild zu lernen. Wenn man so eine Erfahrung gemacht hat, kann man da jemals wieder vertrauen? Ja,
auch wenn man sicher zurückhaltender und vorsichtiger wird. Aber
ohne Vertrauen und Liebe zu Menschen könnte ich ja gar nicht leben und
zum Glück habe ich immer wieder Menschen getroffen, denen ich vertrauen
konnte, und die in der Regel mein Vertrauen nicht missbraucht haben.
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Pierre Boom wurde am 1. 8. April 1957 unter dem Namen Pierre Tobias Charles Guillaume in Frankfurt/Main geboren. Nach der Enttarnung seiner Eltern übersiedelte er 1975 nach Ost-Berlin. Im gleichen Jahr erfolgte die Urteilsverkündung im Prozess gegen Christel und Günter Guillaume. Das Strafmaß betrug für die Mutter acht, für den Vater 13 Jahre. Von 1975 bis 1980 besuchte der junge Pierre durchschnittlich jedes Vierteljahr die im Westen inhaftierten Eltern. Im März 1981 erfolgte der Austausch von Christel Guillaume in die DDR. Der Vater Günter Guillaume wird im Oktober 1981 ausgetauscht und darf in die DDR. Bereits im Dezember 1981 lassen sich die Eltern scheiden. Im April 1985 tritt Pierre Boom in die SED ein. Bei der DDR-Illustrierten NBI macht er sich als Bildjournalist einen Namen. Im Februar 1988 tritt er aus der SED aus und beantragt für sich, seine Frau und seine beiden Kinder die Ausreise zurück in die Bundesrepublik. 1988 wird die Ausreise genehmigt, und er geht mit der Familie nach Bonn. Als im November 1989 – die Mauer fällt, kehrt er zeitweilig zurück nach Berlin und zieht im Frühjahr 1990 endgültig nach Berlin. Von 2002 bis 2003 - arbeitet er an dem Buch “Der fremde Vater” (zusammen mit Gerhard Haase-Hindenberg). Seit 2002 ist er der stellvertretende Leiter der Agentur “Thomas Presse & PR (www.thomas-ppr.de). Unter dem Mädchennamen seiner Mutter - Boom - lebt er heute als Journalist, Fotograf und Multimedia-Producer in Berlin.
Biographische Daten
24.04.1974 Verhaftung von Christel und Günter Guillaume sowie
von (Großmutter) Erna Boom
1975 erste Besuchsreise von Pierre in die DDR, nach Ostberlin und
Rostock
Sommer 1975 Pierre siedelt in die DDR über
15.12.1975 Urteilsverkündung im Prozess gegen Christel und
Günter Guillaume, Strafmaße: sie = 8 Jahre, er = 13 Jahre
Von 1975 bis 1980 durchschnittlich jedes Vierteljahr Westbesuche
bei den inhaftierten Eltern
März 1981 Austausch von Christel Guillaume in die DDR
Oktober 1981 Austausch von Günter Guillaume in die DDR
Dezember 1981 Scheidung der Eltern
15. April 1985 Eintritt in die SED
2.2.1988 Pierre Guillaume, mit Frau und Kinder stellen Ausreiseantrag
3.2.1988 Austritt aus der SED
14.5.1988 Ausreise mit der Familie in die Bundesrepublik (nach
Bonn)
November 1989 Mauerfall, zeitweilige Rückkehr nach Berlin (Ost
und West)
Frühjahr 1990 endgültiger Umzug nach Berlin
2002 bis 2003 Arbeit am Buch “Der fremde Vater” (zus.
mit Gerhard Haase-Hindenberg)
Schule + Beruf
Schule im Westen, bis 1975
1964 bis 1968 Grundschule, Frankfurt/Main
1968 bis 1971 Main-Taunus-Schule (Gymnasium), Hofheim/Taunus
1971 bis 1975 Heinrich-Hertz-Gymnasium, Bonn-Bad Godesberg
Schul-
und Berufsweg in der DDR
1975/76 Erweiterte Oberschule (EOS) Immanuel Kant
1977 bis 1980 kurzer Studienversuch (2 Semester Gebrauchsgrafik)
an der Fachschule für Werbung und Gestaltung (FWG), Berlin, Kamerahilfe
bei DEFA Spielfilm, Volontariat bei Redaktion “NBI”, Hilfsarbeiter
in Druckerei
1981 bis 1984 Werbeagentur “DEWAG”, Berlin
1983 Abschluss Berufsausbildung – Facharbeiter “Fotolaborant”
1985 bis 1986 Werbeagentur “DEWAG”, Berlin
Fotograf – Schwerpunkt Produkt- und Architekturfotografie
1985 Abschluss Berufsausbildung – Facharbeiter “Fotograf”
1986 bis 1988 Redaktion “NBI - Neue Berliner Illustrierte”,
Berlin
Bildreporter – Schwerpunkt Kultur- und Politik-Themen
Berufsweg im
Westen, seit Übersiedlung im Mai 1988
1988 bis 1992 selbständig als Fotoreporter sowie als Autor für
aktuelle und dokumentarische TV-Features
1993 bis 1994 Redaktion
Verbrauchermagazin “Guter Rat!”, Berlin
Leitender Redakteur (Print) für Titelthemen und Service, später
Leiter der Online-Redaktion “Guter Rat! - Das Magazin im Netz”
Seit März 1999 selbständig als freier Journalist und Multimedia-Producer
1999 bis 2001 Aufbau Online-Bilddatenbank www.berlin-photo.com
Seit 2002 stellvertretender Leiter der Agentur “Thomas Presse & PR (www.thomas-ppr.de) sowie tätig als Buchautor und weiterhin als freier Journalist (Text und Foto).
DORIS METZ – Buch und Regie
Geboren 1960 in Oberstdorf/Allgäu. Lebt in München. Studium der
Germanistik und Politik. Volontariat bei der Süddeutschen Zeitung.
Regie- und Produktionsassistenzen bei mehreren Spielfilmen. 1989 bis 1998
Redakteurin und Autorin der Süddeutschen Zeitung im Bereich Medien/Innenpolitik.
Nach dem Mauerfall: 1990/91 Berichterstatterin der Süddeutschen Zeitung
in Sachsen und Thüringen. Seit 1998 Autorin und Regisseurin von Dokumentarfilmen.
Mehrfach Jurorin beim Adolf-Grimme-Preis, der Duisburger Filmwoche
und dem M ünchner Dokumentarfilmfestival.
Fernsehfilme:
Zwischenland - Eine Reise in den muslimischen Norden Griechenlands
(1996, 60 min, SWR/Arte)
Lesbos – Insel der Zehnten Muse (1998, 45 min, SWR, Nominierung
Grimme-Preis)
Die Wolfs – Eine deutsche Familiengeschichte Ein Film über
Markus Wolf, den ehemaligen Spionage-Chef der DDR und seine Familie (2000,
45 min,
ARD)
Ich werde reich und glücklich (2002, 90 min, Co-Produktion von KICK
FILM, SWR, BR gefördert durch den FFF Bayern und MFG Baden-Württemberg;
Urauff ührung:
Internationale Hofer Filmtage 2002)
Kinofilme:
Schattenväter (2005, 93 min, Co-Produktion von PanEuropeanPictures
mit ZDF/Arte, gefördert mit Mitteln der Filmstiftung NRW und der
medienboard Berlin-Brandenburg)
SOPHIE MAINTIGNEUX – Kamera
Geboren 1961 in Paris.
Lebt in Berlin. Seit 1984 Kamerafrau bei über
50 Kurz-, Dokumentar- und Spielfilmen. Zusammenarbeit u.a. mit Eric Rohmer,
Jean-Luc Godard, Michael Klier, Jan Schütte, Rudolph Thome, Philippe
Gröning, Marcel Gisler, Helga Reidemeister, Bernhard Mangiante. Lehrtätigkeit
seit 1990 an der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin (DFFB), an der
Schule für Gestaltung Zürich und an der Filmakademie Baden-Württemberg
(Ludwigsburg).
Preise: u.a. 1991 Preis der deutschen Filmkritik: Beste Kamera des
Jahres 1990;2001 FEMINA Filmpreise: Beste Kamera für L´Amour,
L ´Argent, L´Amour von Philippe Gröning
Spielfilme (Auswahl):Winkelmanns Reisen (1990); Ostkreuz (1991); Liebe auf den ersten Blick (1991); Rosa Negra (1991); Das Tripas Coracao (1992); Frankie, Johnny und die anderen (1992); Lou n’a pas dit non (1993); Wiederkehr (1994); Küss mich (1994); L’amour, l’ argent, l’amour (1997); F. est un salaud (1997); Bebuquin (1999); Zornige Küsse (1999); Heidi M. (2000); Die Begegnung (2001), NeuFundLand (2001), Liebe und Verlangen (2002), Siehst du mich? (2004), Krieg der Frauen (2005), Leben mit Hannah (2005)
Dokumentarfilme (Auswahl): Wenn du was sagst, sag nichts (1995); Auf Leben und Tod (1995); Mädchen im Ring (1996); Trotz Umbau geöffnet (1996); Nach dem Spiel (1997); Elisabeth (1998); Die arme Schulschwester (1998); La Hija de la Gerra (1998); Himmel und Erde (1998); Töchter der Gewalt (198); Mit Haut und Haar (1998); Deutsche Polizisten (1999); Gotteszell (2000); Venus Boyz (2000); Damen und Herren ab 65 (2002); Ich werde reich und glücklich (2002), Die Burg (2003), Guten Morgen Österreich (2004), Schattenv äter (2004), Deutschlandersiedlungen (2005)
MARKUS STOCKHAUSEN - Musik
Markus Stockhausen, 1957 in Köln geboren, ist einer der vielseitigsten
Trompetensolisten unserer Zeit. Er begann das Klavierspiel mit 6 Jahren,
studierte ab 1974 an der Kölner Musikhochschule Klavier und Trompete
(Konzertexamen 1982). Von 1975-2001 arbeitete er intensiv mit seinem Vater
Karlheinz Stockhausen zusammen, der viele große Partien für ihn
schrieb, war Mitglied oder Leiter verschiedener Jazzformationen und realisierte
gemeinsam mit seinem Bruder Simon Stockhausen einige große Musikprojekte
(Philharmonie Köln), Film- und Theatermusiken. 1981 gewann er den Preis
des deutschen Musikwettbewerbs. Seitdem konzertiert er als Solist klassischer
und zeitgenössischer Trompetenliteratur, spielte zahlreiche Uraufführungen
und war Gast bei vielen internationalen Musikfestivals.
Stockhausen stellt immer wieder Ensembles mit Gastmusikern aus verschiedenen
Ländern für spezielle Räume und Anlässe zusammen. So
etwa für die Reihe Concerto Discreto des Deutschlandfunks, das Festival
Europäische Kirchenmusik oder zum Konvent der Baukultur im Plenarsaal
des Bundeshauses Bonn. Mit "Fiesta d?Amor" präsentierte er
im Juli 2003 in der Düsseldorfer Tonhalle ein Programm mit 9 Musikern
und einer Tänzerin.
Auch als Komponist ist Markus Stockhausen gefragt. Seine Werke SONNENAUFGANG,
CHORAL und SEHNSUCHT für Jazztrio und Orchester wurden bereits mehrmals
mit großem Erfolg aufgeführt. Begeistert aufgenommen wurden auch
die Auftragskompositionen für die London Sinfonietta, das Orchestra
d'Archi Italiana und das Kammerorchester Winterthur.
Im September 2005 erhielt Markus Stockhausen den WDR JAZZPREIS für
herausragende Leistungen in der Jazzszene NRW.
JUDIT RUSTER - Produzentin
Judit Ruster gründete PanEuropeanPictures vor zwei Jahren in Berlin. Ihre vorherigen Erfahrungen im Spielfilmbereich will sie mit ihrer Produktionsfirma weiterführen, sich jedoch verstärkt um das Genre Dokumentarfilm bemühen. „PanEuropeanPictures versteht sich als eine Art Kreativplattform, auf der Regie und Produktion gemeinsam agieren,“ denn, so Ruster, „für mich ist es nicht so, dass der Produzent auf der einen Seite steht und die Kreativen auf der anderen. Vielmehr sitzen wir alle im gleichen Boot und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Doris hatte für SCHATTENVÄTER einen neuen Produzenten gesucht, mit dem sie „wirklich kooperativ, offen und transparent zusammenarbeiten kann“, erläutert Ruster. Die junge Berliner Firma hat außer SCHATTENVÄTER einen weiteren erfolgreichen Dokumentarfilm vorzuweisen, „Happy Family“ von Heesook Sohn, nominiert für den First Steps Award 2004, ausgezeichnet mit dem Babelsberger Medienpreis 2005. Zukünftige Produktionsvorhaben von PanEuropeanPictures sehen unter anderem eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit Doris Metz vor, so wird zurzeit eine gemeinsame Dokumentarfilmreihe zum Thema „Europe on the move“ entwickelt.
„Wir haben es ja alle mit Männern, Ehemännern und deren Vätern zu tun, und mit eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und Assoziationen zu dem Thema. Diese beiden Väter Guillaume und Brandt stehen für eine Generation von Vätern, die wir alle kennen, die unfähig waren, emotional zu agieren. Das Leiden an der emotionalen Unnahbarkeit der Väter ist ein weit verbreitetes Phänomen, das auch Teil der Familiendiskussion ist, die in unserem Land zur Zeit geführt wird. Entscheidend ist, dass diese Art Väter am Aussterben ist, in der Politik ebenso wie in der Familie, diesen Typus der knorrigen, alten Männer, wie Brandt, Bahr, Wehner gibt es bald nicht mehr. Und immer wenn eine Entwicklung an so eine Grenze kommt, verdichtet sich das zu einem allgegenw ärtigen Thema.“
(Doris Metz über das virulente Thema „ Väter und Söhne“)
Väter und Söhne, das ist ein großes Thema, das im Laufe der Filmgeschichte am Rande oder im Zentrum immer wieder thematisiert wurde. Väter und Söhne, das war immer ein schwieriges Verhältnis, zwischen Nähe und Fremdheit, zwischen Verehrung und Verachtung, zwischen der Sehnsucht nach Anerkennung und der Enttäuschung über die Verständnislosigkeit. Immer wieder geht es um den vergeblichen Versuch, Anspruch und Wirklichkeit zur Deckung zu bringen. Man denke nur an Rebel without a cause und James Deans verzweifelte Suche nach einem starken väterlichen Vorbild, an dem er sich orientieren kann: Der fehlende Respekt vor dem Vater führt zur existenziellen Krise des Sohnes. Man denke nur an unzählige Hamlet-Verfilmungen, an das aussichtlose Ringen mit dem Geist des toten Vaters. Man denke an all die übermächtigen düsteren Vaterfiguren, an denen sich die schwächeren Söhne reiben, von Coppolas Don Corleone, bis zum Tiefseemafioso in Shark Tale, an Darth Vader und Luke Skywalker, an all die unnachgiebigen verhärteten Patriarchen, denen es die Söhne nicht recht machen können, in Paul Schraders Affliction oder Sean Penns At close Range, und demnächst auch wieder zu beobachten in James Mangolds Verfilmung der Biografie von Johnny Cash I walk the Line.
Wie
ein roter Faden zieht sich das Thema durch die Filmgeschichte, und
doch verdichtet es sich derzeit zu einer besonders intensiven und
facettenreichen Auseinandersetzung: Allein fünf aktuelle Filme behandeln das Thema
des verlorenen erwachsenen Sohnes, von dem die Väter erst spät
erfahren: Wim Wenders Don’t come Knocking, Jim Jarmuschs Broken Flowers,
Wes Andersens The Life Aquatic, Claire Denis L´Intrus und L’Enfant
von den Dardenne Brüdern. Und Jacques Audiard thematisiert in seinem
neuen Film Der wilde Schlag meines Herzens schon zum dritten Mal das Verhältnis
eines Vater zum Sohn; nachdem er in Un Héro discrèt auf spielerische
Weise die Generation der französischen Nazikollaborateure herausgefordert
hat, erzählt er in seinem neuen Film von der Ablösung eines Sohnes
vom Vater, aber auch davon wie sich das Rollenverhältnis mit zunehmendem
Alter umkehrt, bis es nicht mehr der Vater ist, der sich um den Sohn
sorgt, sondern umgekehrt.
In Sam Mendes Road to Perdition hingegen erfährt der Junge
durch Zufall, dass sein von Tom Hanks gespielter Vater ein Doppelleben
als Auftragsmörder der Mafia führt. Und in Filmen wie
Sönke Wortmanns Das Wunder von Bern und Die Rückkehr von
Andrei Swjaginzew geht es um jene Väter, die mit all ihren
Wunden in eine fremd gewordene Heimat zu entfremdeten Kindern und
Frauen zurückkehren: „Wer ist dieser Mann?“ fragen
die Söhne ihre Mutter in dem russischen Film, und im Gegensatz
zum Wunder von Bern, in dem die Annäherung und Versöhnung über
den Fußball gelingt, endet der gemeinsame Ausflug hier tragisch.
Aber auch ohne das Trauma des Krieges bleibt das Verhältnis
schwierig, und wenn sich der Sohn in Tim Burtons Big Fish verzweifelt
bemüht, den schillernden Kokon fabelhafter Geschichten zu durchbrechen,
um an ein Stückchen greifbare Wahrheit zu kommen, dann erinnert
er entfernt auch an Pierre Boom, der sich auf sehr viel ernstere
und traurigere Weise einen Weg durch das Gestrüpp der Lügen
bahnen musste.
Parallel zu den Spielfilminszenierungen findet auch in unzähligen Dokumentarfilmen eine Auseinandersetzung mit den alten, sterbenden Vätern statt. Immer wieder tragen die Filmregisseure den schwelender Zwist zwischen den Generationen mit der Kamera aus, wie beispielsweise in Horst Buchholz.. mein Papa von Christpher Buchholz: Die zärtliche Nähe und Vertrautheit, die der Titel beschwört, reibt sich an den tatsächlichen Erfahrungen mit dem unnahbaren Schauspieler. Ähnlich wie für Matthias Brandt in SCHATTENVÄTER geht es auch hier um die Widersprüche zwischen öffentlichem Schein und privatem Sein. Immer wieder sind diese Filme auch ein Versuch, die enigmatische Vaterfigur greifbar zu machen, was mal besser mal schlechter gelingt. In Nobody’s Business beißt sich Alan Berliner die Zähne an seinem Vater aus, der sich auf bisweilen geradezu komische Weise gegen die Fragen seines Sohnes wehrt und sperrt.
Besonders häufig findet über die Konfrontation mit dem Vater auch eine Auseinandersetzung und Abrechnung mit den politischen Systemen von Nationalsozialismus und Kommunismus im Dritten Reich und der DDR statt: So versuchen Christoph Boekel und Malte Ludin in Die Spur des Vaters und Zwei oder Drei Dinge, die ich über ihn weiß auf ähnliche Weise, sich einen Weg zu bahnen zwischen den bestürzenden Fakten der Historie und den privaten Gefühlen in der Familie, vom öffentlichen Nazi zum intimen Vater. Während sich die meisten Väter dieser Generation beharrlich entziehen und verweigern, hatte Christoph Boekel das Glück, dass sein Vater den schwierigen Dialog selbst ausgelöst hat, indem er ihm seine Kriegstagebücher vom Russlandfeldzug 1941 bis 1944 überließ.
In ähnlicher Weise wie für Pierre Boom geht es auch für diese Söhne darum, jenseits von Verrat und Verbrechen, einen Weg zum Vater zu finden, einen Weg, auf dem es keine Klärungen und Lösungen geben kann, sondern allenfalls Annäherungen. Der Übergang von den schweigenden Vätern der Nazinachkommen zu denen der Stasispitzel ist fließend. Im ihrem Versuch zu verstehen, kommen die Söhne unweigerlich auch der deutschen Befindlichkeit in der Gegenwart auf die Spur. In ihrem dieses Jahr für den First Steps Award nominierten Hochschulabschlussfilm Vater und Feind erkundet Susanne Jäger nicht ihre eigene, sondern eine fremde Geschichte: Der wie Matthias Brandt 1961 geborene Jörg Hejkal gehörte zu den Jugendlichen, die 1984 über die amerikanische Botschaft in Ostberlin in den Westen flüchten konnte. Abgründe tun sich auf, wenn der Sohn mit den beklemmend nüchternen Berichten konfrontiert wird, die sein Vater als Stasimitarbeiter über ihn in der unpersönlich sachlichen dritten Person verfasst hat, wenn er „die Grundpositionen zum ehemaligen Sohn darlegt“ und versichert, dass „...bei eventueller Kontakt-aufnahme des Jungen entsprechend der Meldeordnung vorgegangen wird. ...“ Wie in SCHATTENVÄTER geht es auch hier um die unüberbrückbare Kluft zwischen persönlicher und öffentlicher Wahrnehmung, zwischen Familie und Staat.
Gerade über die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit treffen all diese Filme den empfindlichen Nerv einer deutschen Zeitstimmung im Hier und Jetzt dieses Landes. Das gilt auch für Tamara Milosevics Dokumentation Zur falschen Zeit am falschen Ort, einer Bestandsaufnahme der Situation in dem Brandenburger Dorf Potzlow zwei Jahre nach dem grausamen Mord an Marinus. Auch hier tut sich ein tiefer Graben zwischen den Generationen auf, der durch den Fall der Mauer noch zusätzlich vergrößert ist.
Überall auf der Welt thematisieren die jungen Regisseure ihre Auseinandersetzung
mit der Elterngeneration, in Filmen wie Billy Elliot, East is East, Bend
it like Beckham, Broken Wings, doch in Deutschland haben diese Geschichten
insbesondere durch die Wende eine besondere Färbung. Zusätzlich
fordert die Patchwork-Familie ihren Tribut, deren Opfer weniger die Kinder,
sondern vielmehr die Eltern sind, und zwar vor allem die Väter, die
aus dem festen Rahmen gefallen sind und entsprechend verloren wirken. Durch
den Fall der Mauer ist eine Generation von Vätern entstanden, die Schwierigkeiten
haben, den Übergang vom SED-Staat in die Demokratie zu meistern und
sich entziehen, um ihre Unzulänglichkeit zu kaschieren. Es gibt zahllose
Männer, die sich irgendwann aus dem Staub machen, weil sie zuviel mit
dem eigenen Leben zu tun haben, und nicht mehr zurecht kommen mit ihrer
eigenen Rolle, in einer im Wandel begriffenen Welt, neben den stärker
werdenden Frauen. Sie sind die Helden bittersüßer Filme von Vätern,
die sich entziehen und Söhnen, die ihr Recht einfordern, in American
Heart beispielsweise fängt der Sohn seinen von Jeff Bridges gespielten
Vater nach der Entlassung vor dem Gefängnis ab und lässt sich
von dessen Widerspruch und Unwillen nicht beirren.
Netto von Robert Thalheim mutet ein wenig an wie eine deutsche Variation
auf diese amerikanische Geschichte. Wie Heidi M. und Farland von
Michael Klier setzt auch Netto in dem Moment ein, in dem der verlorene
Vater wieder
auf den Plan tritt, und bezeichnenderweise ist es hier der Sohn,
der die Initiative ergreift und den Kontakt sucht, weil er mit den
Entwicklungen zuhause bei seiner Mutter unzufrieden ist.
All diese Spielfilme und Dokumentationen machen deutlich, in welchem Maße gerade in Deutschland das schwierige Verhältnis der Väter und Söhne, die immer wieder von einschneidenden historischen Ereignissen getrennt werden, zum Seismographen für das Zeitgefühl im Nachwende-Deutschland werden.
Anke Sterneborg
Agentenaffäre
Guillaume
In den frühen Morgenstunden des 24. April 1974 werden der Referent
im Bundeskanzleramt, Günter Guillaume sowie dessen Ehefrau Christel
in ihrer Bonner Wohnung, Ubierstrasse 107, verhaftet. Wenig später
gibt die Bundesanwaltschaft bekannt, dass das Ehepaar Guillaume unter Verdacht
steht, seit achtzehn Jahren für die DDR spioniert zu haben. Die Entdeckung
des DDR-Agenten im Bundeskanzleramt verursacht große Aufregung in
der Öffentlichkeit. Willy Brandt übernimmt in einem Schreiben
an den Bundespräsidenten vom 6. Mai 1974 die "politische Verantwortung
für Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Agentenaffäre" und
erklärt seinen Rücktritt. Zur Aufklärung der Affäre
setzt der Bundestag im Juni 1974 einen Untersuchungsausschuss ein. Der Umfang
von Guillaumes Agententätigkeit bleibt jedoch ungeklärt. Wegen
schweren Landesverrats wird das Ehepaar Guillaume am 15. Dezember 1975 zu
dreizehn und acht Jahren Gefängnis verurteilt. Beide werden 1981
jedoch begnadigt und in die DDR abgeschoben.
Agentenaustausch
Wechselseitige Freilassung von Ost- und Westagenten; Agentenaustausche
zwischen der DDR und der BRD fanden häufig am innerdeutschen Grenzübergang
Wartha-Herleshausen statt, Austausche unter den Alliierten in der Regel
auf der Glienicker Br ücke
zwischen Berlin und Potsdam.
Ausreiseantrag
Formeller Antrag auf Ausreise aus der DDR (meist auch verbunden
mit dem Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft). Wer einen
Ausreiseantrag stellte wurde zum Staatsfeind und brachte sich und sein
ganzes Umfeld in Gefahr. Pierre Guillaume war durch seinen prominenten
Namen relativ geschützt und war auch bei seiner Ausreise ein Sonderfall.
Für die Arbeit des MfS war die Eindämmung von Ausreiseanträgen
von besonderer Bedeutung. Mielke erließ Anfang 1977, als die Zahl
der Ausreisewilligen stark anstieg, eigens einen Erlass zur „Vorbeugung,
Verhinderung und Bekämpfung feindlich-negativer Handlungen im Zusammenhang
mit rechtswidrigen ( Übersiedlungs-)Ersuchen“.
Berlin
(Ost)
Hauptstadt der DDR, vom 7. Oktober 1949 bis zur offiziellen Wiedervereinigung
am 3.Oktober 1990
Bonn
Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, von 1949 bis 1990, und
seit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gesamtdeutsche Hauptstadt.
Aus der Hauptstadtdebatte ging jedoch Berlin 1991 als Sieger hervor.
Der tatsächliche Umzug von Parlament und Regierungssitz wurde 1999 unter
Kanzler Schr öder
vollzogen.
Rut Brandt
geboren 1920 in Norwegen, Journalistin, Widerstandkämpferin gegen die
NS- Besatzung, lernt Willy Brandt im schwedischen Exil kennen, erlebt die
Nachkriegsjahre mit ihm zusammen, den sie 1948 in Berlin heiratet. 1966
geht sie mit Willy Brandt und den drei Söhnen ( Peter, geb. 1948; Lars,
geb. 1951; Matthias Brandt, geb. 1961) nach Bonn. In Auftreten und Erscheinung
war sie die erste „First Lady“ Deutschlands, die sich auch
neben Jackie Kennedy nicht verstecken musste. Seit der Scheidung von Willy
Brandt 1980 lebt sie in Norwegen und Deutschland
Willy Brandt
geboren 1913 in Lübeck, gestorben am 8. Oktober 1992. Als aktives Mitglied
der Sozialistischen Arbeiterpartei von den Nazis verfolgt, 1933 Flucht über
Dänemark nach Norwegen, wo er unter anderem als Journalist im Widerstand
aktiv war. Nach Kriegsende kehrte er mit norwegischem Pass nach Deutschland
zurück, wo er später zu den wenigen deutschen Politikern gehörte,
die nicht in Nazi- Deutschland geblieben waren und eine saubere Vergangenheit
hatten. 1957 bis 1966 ist er Bürgermeister von Berlin, ab 1964 (bis
1987) Parteivorsitzender der SPD, von 1966 Außenminister und Vizekanzler
der Großen Koalition. 1969 - 1974 erster sozial-demokratischer Bundeskanzler
der BRD. Er ist der erste deutsche Kanzler, der die Normalisierung der deutsch-deutschen
Beziehungen vorantreibt, und 1970, als die DDR von der BRD noch nicht als
eigenständiger Staat anerkannt war, nach Erfurt reist.
Auszug aus seiner Regierungserklärung im Bundestag am 28.10.1969:
„
Unser nationales Interesse erlaubt es nicht zwischen dem Westen und
dem Osten zu stehen. Unser Land braucht die Zusammenarbeit und Abstimmung
mit dem Westen und die Verständigung mit dem Osten...“.
Am 7. Dezember 1970 geht das Foto von seinem Kniefall vor dem Ehrenmal
des jüdischen Ghettos in Warschau um die Welt. In der Folge wird er
vom amerikanischen TIME-Magazine zum „Man of the Year“ ernannt
und bekommt 1971 für seine Entspannungs- und Ostpolitik, die in Deutschland
massiv angefeindet wird, den Friedensnobelpreis.
Am 7. Mai 1974 Rücktritt als Bundeskanzler in Folge der Agentenaffäre.
1976-1992 spätes Comeback als Elder Statesman mit einer zweiten Karriere
als Präsident der Sozialistischen Internationale. Am 10. November 1989
hält er, wenige Stunden nach der Öffnung der Mauer und auf den
Tag genau 16 Jahre vor dem Kinostart von SCHATTENVÄTER, seine berühmte
Rede vor dem Schöneberger Rathaus: „ EsJetzt wächst zusammen,
was zusammengehört“. Nach der Scheidung von Rut Brandt 1980
lebte er bis zu seinem Tod mit Brigitte Seebacher-Brandt zusammen.
Bundeskriminalamt
(BKA)
Bundespolizeibehörde, die dem Bundesinnenministerium unterstellt ist
und im Auftrag des Generalbundesanwalts bei nationalen Verbrechen, und damit
auch in der Agentenaffäre Guillaume, ermittelte.
Gauck-Behörde
Joachim Gauck war der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des
Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Wegen des komplizierten
Namens wurde die Behörde kurz Gauck-Behörde genannt. Heute hat
die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler das Amt inne.
Die Behörde ist laut Stasi-Unterlagen-Gesetz für die Erforschung
und Aufarbeitung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes zuständig.
Große
Koalition
Koalition aus CDU/CSU und SPD; gab es bisher nur einmal in der bundesdeutschen
Geschichte von 1966 bis 1969; Bundeskanzler war der CDU-Politiker
Kurt Georg Kiesinger, Vizekanzler und Au ßenminister war Willy Brandt.
Christel
und Günter Guillaume
Günter Guillaume und Christel Guillaume, geb. Boom sind 1956 als Flüchtlinge
getarnt in die Bundesrepublik eingereist. Tatsächlich sollen die Mitarbeiter
des Ministeriums für Staatssicherheit aber Informationen über
die Parteiarbeit der SPD beschaffen und sich, so der Auftrag von Markus
Wolf, „um ministrable SPD-Politiker kümmern“. In Frankfurt/Main
betreiben beide mit Hilfe der ebenfalls mitübergesiedelten Mutter von
Christel Guillaume, Erna Boom, zunächst den Tabakladen „Boom
am Dom“. Als SPD-Mitglied wird Günter Guillaume 1963 Sekretär
des SPD-Unterbezirks Frankfurt/Main und 1968 Stadtverordneter. Auch Christel
Guillaume arbeitete sich in der Partei hoch. Ihr gelang es, als Sekretärin
das Vertrauen von Wilhelm Birkelbach, dem damaligen Vorsitzenden des SPD-Bezirks
Hessen-Süd, zu gewinnen. Der linke SPD-Politiker mit Sitz im Bundestag
und im Parteivorstand nahm sie 1964 als Staatssekretär mit in die hessische
Staatskanzlei in Wiesbaden. Durch Vermittlung von Bundesminister Georg Leber,
für den Guillaume 1969 einen erfolgreichen Wahlkampf organisiert hatte,
kommt Günter Guillaume dann 1970 als Referent ins Bundeskanzleramt
nach Bonn. Durch seinen Aufstieg zum persönlichen Referenten des Bundeskanzlers
1972 gehört Guillaume als Reiseorganisator und "Mädchen für
alles" zur näheren Umgebung Brandts. Im Sommer 1973 war das Ehepaar
Guillaume (mit Sohn Pierre) als Begleitung des Bundeskanzlers mit im Urlaub
in Norwegen. Der Spionageverdacht ergab sich für den Verfassungsschutz
eher zufällig, im Zusammenhang mit drei Landesverratsprozessen, und
wurde zunächst nicht besonders ernst genommen. Durch die Entschlüsselung
von Funksprüchen kam man in der Folgezeit dem Ehepaar Guillaume auf
die Spur. Nach seiner Begnadigung wird Günter Guillaume gegen acht
Agenten und die Zusage von 3000 Ausreisegenehmigungen für DDR-Bürger
Anfang Oktober 1981 in die DDR abgeschoben. In der DDR wird er zum Oberst
der Nationalen Volksarmee befördert und in der Agentenschulung des
MfS eingesetzt. 1986 heiratet er seine zweite Frau, die Stasi-Krankenschwester
Elke Bröhl, deren Namen er angenommen hat. Günter Guillaume stirbt
1995 in Eggersdorf bei Berlin. Guillaume wurde von seinen „alten Kameraden“ in
Berlin-Marzahn zu Grabe getragen. Christel Guillaume, die wenige Monate
vor ihrem Mann, im Frühjahr 1981 in die DDR abgeschoben wird, hat sich
im gleichen Jahr von Günter Guillaume scheiden lassen. Nach der Wende
hat sie ihren Mädchennamen angenommen und sich von ihrem Ex-Mann und
ihrem früheren Umfeld distanziert. Sie stirbt am 20. März 2004
in Berlin.
Erich Honecker
langjähriger Partei- und Staatschef der DDR
HVA (Hauptverwaltung
Aufklärung des MfS)
Auslandsgeheimdienst der DDR, langj ähriger Leiter Markus Wolf
Kalter Krieg
Der Ausdruck bezeichnet den welthistorischen Gegensatz, den die
beiden Supermächte USA und Sowjetunion zwischen 1945 und 1990 mit allen
verfügbaren Mitteln, aber unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges
anf ührten
und austrugen.
Karolinenhof
Stadtteil (Villenviertel) im Südosten Berlins, in dem sich das MfS-Gästehaus
von Geheimdienstchef Markus Wolf befand. Nach dem Austausch im Oktober 1981
wurde der Agent Günter Guillaume für 6 Monate dort untergebracht.
Kundschafter
DDR-Bezeichnung für Auslandsagenten (Spione) der HVA. Im Stasi-Jargon
wurde immer von den „Kundschaftern an der unsichtbaren Front“ gesprochen.
Nach Schätzungen von Joachim Gauck, dem ersten Bundesbeauftragten für
die Stasi-Unterlagen, soll das MfS neben seinen hauptberuflichen Agenten
allein in der Bundesrepublik über mindestens 20.000 Inoffizielle Mitarbeiter/IM
verf ügt
haben.
Mielke, Erich
1950-1989 Mitglied des ZK der SED, seit 1976 auch Politbüromitglied,
1957-1989 Minister f ür
Staatssicherheit der DDR
MfS
Ministerium für Staatssicherheit der DDR, mit Sitz in der Normannenstraße
in Berlin Lichtenberg.
Neue Ostpolitik
Schon in den Sechziger Jahren entwickelt Brandt, noch als regierender
Bürgermeister von Berlin zusammen mit Egon Bahr außenpolitische
Leitgedanken, die als „Politik der kleinen Schritte“ und „Wandel
durch Annäherung“ in die politische Geschichte der BRD eingehen
und die Basis f ür die Ostverträge
werden.
Ostverträge
Die als Ergebnis der Ostpolitik Brandts 1970 geschlossenen Verträge
der BRD mit der UdSSR und Polen über die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie
als neuer Staatsgrenze zu Polen, gegenseitiger Gewaltverzicht und damit
die Anerkennung der Nachkriegsgrenzen im Osten. Die Ostverträge sind
die Basis für die Normalisierung des deutsch-deutschen Verhältnisses
und den Grundlagenvertrag mit der DDR. Am 21. Dezember 1972 nehmen die beiden
deutschen Staaten offizielle Beziehungen auf - unter Umgehung der völkerrechtlichen
Anerkennung des SED-Staates. Obwohl damit eine völlige Normalisierung
des deutsch-deutschen Verhältnisses nicht gelingt, werden die Beziehungen
zwischen Ostberlin und Bonn zunehmend unverkrampfter.
SED
Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Staatspartei der DDR
Willi Stoph
DDR-Politiker, unter anderem Minister für Nationale Verteidigung,
Vorsitzender des Ministerrates und des Staatrates der DDR
Tschekist
Wie in allen Ostblockstaaten nannten sich auch die deutschen Stasi-Offiziere
Tschekisten. Die Tscheka war die gefürchtete sowjet-russische Staatssicherheitspolizei,
das „Schild und Schwert der Partei Lenins“. Die Tscheka war
eine Erfindung des Genossen Lenin und ihr erster Chef war der in Stasi-Kreisen
vielbeschworene Genosse Felix Dzierzinsky. Tschekist war ein Ehrentitel,
den man sich hart verdienen musste im Kampf und Einsatz gegen den inneren
Feind. Nach dem Motto „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!“ sollten
die „feindlich-negativen Kräfte“ aus der sozialistischen
Gesellschaft „ausgesondert und isoliert“ werden. Hass, so
heißt es in einem für den internen MfS-Gebrauch bestimmten „Wörterbuch
der Staatssicherheit“, ist „ein wesentlicher und bestimmender
Bestandteil tschekistischer Gefühle, eine der entscheidenden Grundlagen
für den leidenschaftlichen und unversöhnlichen Kampf gegen den
Feind“. Tschekist blieb man – wie in allen Geheimbünden üblich – ein
Leben lang.
Venusberg
Stadtteil von Bonn, dort befand sich in den 70er Jahren die Dienstvilla
von Bundeskanzler Willy Brandt.
Herbert Wehner
Eigenwilliger und eigenmächtiger Mitkämpfer und Gegenspieler von
Bundeskanzler Willy Brandt. Langjähriger Fraktionsvorsitzender der
SPD im Deutschen Bundestag (1969-83), Bundesminister für gesamtdeutsche
Fragen in der Großen Koalition (1966-69) und von 1952 – 82 Mitglied
des SPD- Parteivorstandes und des Präsidiums. Seine Strenge und sein
Pflichtbewusstsein bringen ihm den Beinamen „Zuchtmeister“ und „Kärrner“ der
Partei ein. Mit Willy Brandt verband Wehner eine schwierige Beziehung. Wie
Brandt war Wehner während der NS-Zeit im Exil. Er war als KPD-Mann
im kommunistischen Widerstand gegen die Nazis. Wehner trat erst nach seiner
Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1946 in die SPD ein. 1983 zog er
sich aus der aktiven Politik zur ück.
Er starb 1990.
Markus Wolf
Von 1955 – 86 Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des
Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Obwohl Wolf wiederholt behauptete,
die HVA sei lediglich ein normaler Nachrichtendienst und er persönlich
habe mit den Unterdrückungsmethoden der Stasi nichts zu tun gehabt,
waren der Auslandsgeheimdienstchef der DDR und seine HVA integraler Bestandteil
des gesamten Ministeriums und damit auch für die „innere Sicherung
der DDR“ und die „Bekämpfung des inneren Feindes“ zuständig.
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